Marian Williams – blog:kaatibun movies and more

Juli 6, 2015

Lost and Found: Il Cinema Ritrovato 2015

Filed under: Film,Film Festival — Marian W @ 19:15

The Festival of the Cineteca Bologna is an amazing event. It’s all about classics, rare prints and the histories of cinema. As a regular moviegoer and as a young film critic you can dive into the world of films that had their premiere decades before I was starting to sit in front of a TV as a child. It’s a strange crowd of specialists and historians, archive directors and cinephiles from all over the world coming to Bologna at the end of June. So the relatively small festival has 2400 accreditated visitors (they don’t have a very strict accreditation policy though).

In the words of the late Peter von Bagh, former artistic director of „Il Cinema Ritrovato is pure heaven for cinephiles!“

So here’s an incomplete account of what I’ve found and discovered this year. Feel free to read it as a watch list for your home cinema.

(more…)

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April 23, 2015

Interview Tizza Covi: “Zu einem guten Punkt kommen”

Filed under: Film,Film Festival,Interview — Marian W @ 13:46
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Tizza Covi präsentiert bei den Bozner Filmtagen 2015 ihre Doku „Der Fotograf vor der Kamera“. Das Interview mit Tizza Covi dazu entstand auf der Diagonale 2014. Hier der Original-Artikel als pdf.

In Bozen ist passend zum Film auch die Ausstellung „Erich Lessing – Anderswo“ mit ausgewählten Fotografien zu sehen, in der Galerie Foto-Forum.


 

“Zu einem guten Punkt kommen”

Die gebürtige Boznerin Tizza Covi über ihren neuen Film “Der Fotograf vor der Kamera”, ihre ganz eigene Arbeitsweise sowie die heimische Filmförderung. Und die Wahlwienerin beweist dabei, dass sie den Südtiroler Dialekt nicht verlernt hat. Die neue Dokumentation feierte vergangene Woche bei der Diagonale ihre Premiere.


Wie ist es zu dem Projekt gekommen?

Das war unser erster Film, der nicht unsere Idee war. Wir waren im Schnitt von “Der Glanz des Tages” (Tizza Covi/Rainer Frimmel 2012 Anm.) und hatten einen Durchhänger und da kam Ralph Wieser von der österreichischen Produktionsfirma Mischief Films auf uns zu, ob wir das nicht machen wollen. Wir haben ja beide Fotografie studiert, es war also ein Thema das uns interessiert hat.

Wir haben Erich Lessing kennengelernt und haben uns auch sehr gut verstanden. Er hat ein großes Interesse für’s Projekt gehabt, was sich dann aber wieder relativiert hat, weil er hat tatsächlich und definitiv nie Zeit für uns gehabt. Wir sind gewohnt bei unseren Filmen viel Zeit zu haben. Unser Kapital ist Zeit. Wir überlegen immer genau was wir machen, wir können zwei Stunden einen Kaffee trinken und dann machen wir zehn Minuten eine Szene. Beim Erich war’s anders. Wir sind mit der ganzen Technik gekommen und dann hat er gesagt, schön, dass ihr da seid’s, aber leider muss ich in zehn Minuten wieder weg. Er hat wirklich mit 90 Jahren mehr Termine als ich in meinen vollgefülltesten Zeiten. Das war schon schwierig.


Wie lang habt ihr an dem Projekt gearbeitet?

Wir haben dann doch zwei Jahre gedreht um das Material zu bekommen, mit dem wir zufrieden sein konnten und ihn immer wieder begleitet.


War das also gar keine grundsätzliche methodische Entscheidung in diesem zurückhaltend beobachtenden Stil zu arbeiten?

Es wäre, so wie wir ihn kennengelernt haben und wie wir sein Leben beobachtet haben, einfach total langweilig gewesen einen Interview-Film mit ihm zu machen, wie er sitzt und sein Leben zum hunderttausendsten Mal erzählt und vielleicht noch seine Fotos zeigen. Das hätte einfach zu ihm überhaupt nicht gepasst. Die allererste Szene, die wir mit ihm gedreht haben, war ein Interview gewesen. Und das war so klassisch-langweilig, das wir gesagt haben, sowas wollen wir nicht machen. Und dann ist eben die Idee geboren worden, dass wir ihn begleiten bei seinen Terminen und ihn auch durch die Augen der Presse zeigen. Wir haben also Interviews nur von den anderen führen lassen und mitgefilmt. Der Film heißt “Der Fotograf vor der Kamera” in Bezug auf uns und natürlich in Bezug auf die ganzen anderen Journalisten und Filmemacher, weil er in den ganzen Interviews vor einer anderen Kamera ist und weil das natürlich auch zeigt, wie gehen Filmteams, die sehr wenig Zeit haben, mit Persönlichkeiten um, die sie nicht kennen.


Wie würden Sie die Art der Dokumentation beschreiben? Was ist eure Methode, euer Zugang?

Man kann es ganz schwer beschreiben, weil für jedes Projekt erfindet man eigentlich eine andere Art. Bei uns gibt es zwei Standpfeiler, die immer extrem wichtig sind: Das ist einerseits der Humor. Es ist einfach im Leben so, egal ob Du in tragischen oder fröhlichen Situationen bist, es gibt immer Situationshumor. Den kann man nicht schreiben, den kann man nur finden oder eben warten bis der kommt. Das Zweite ist eine Annäherung an Persönlichkeiten, so weit es eben möglich ist in 70 oder 90 oder 100 Minuten. Es ist immer nur ein kleiner Teil und trotzdem muss man sich da ganz auf ein oder zwei Personen konzentrieren um wenigstens einen Bruchteil von dem, was man selber weiß oder erlebt hat, mitteilen zu können.


Es ist ja nicht nur ein Film über den berühmten Fotografen Erich Lessing, sondern auch ein bisschen über den privaten Menschen, oder?

Wir hätten gern noch mehr die Beziehung zu seiner Frau Traudl ausgearbeitet, weil sie ja auch immer mit ihm unterwegs war und man sieht auch jetzt, dass er ohne sie ganz schwer was entscheiden kann. Und die paar Aufnahmen, die wir machen durften, haben wir dann auch verwendet.

Es gibt bisher nur wenig Sachen über ihn, immer mit direkten Interviews, wo er es immer unter Kontrolle hat, was von ihm gezeigt wird. Aber gerade die Sachen zu Hause und mit seiner Frau sind interessant, eben diese Kleinigkeiten. Das ist mein allererster Porträt über jemanden und des ist echt schwer, was du benutzen kannst und wie weit du gehen kannst. Es schaut so locker aus. Ich selber hab mir gedacht, ja ein Porträt über jemanden ist ja nicht so… aber das stimmt nicht, das ist echt schwer!


Wie war die Zusammenarbeit mit einem so großen Fotografen wie Erich Lessing? Hat er sich beim Filmischen eingemischt und euch gesagt, wie ihr filmen sollt?

Nein, da haben wir eigentlich nie eine Bemerkung bekommen. Das ist nämlich interessant, weil die Fotografen, die ihn fotografieren, korrigiert er immer alle. Bei uns hat er sich ganz rausgehalten.


Erich Lessing fotografiert ja nachwievor analog, man sieht ihn aber auch am Computer und iPad arbeiten. Wie geht es euch mit dem Übergang vom Analogen zum Digitalen?

Ja, er geht voll mit der Technik mit. Und er ist auch kein Nostalgiker. Das finde ich ganz spitze, das ist sehr ungewöhnlich. Sonst heißt es ja immer “ah, früher war alles besser…”

Aber wenn du die Technik kennst, wenn du entwickeln kannst per Hand und vergrößern und so, tust du dich dann mit diesem Hintergrund leichter, weil du dich dann nicht so schnell verlierst wie heutzutage, wo man den Film dann aus hunderten Stunden Material erst neu erfinden muss. Wir haben ja noch zwei Filme analog am Schneidetisch geschnitten, Kader für Kader. Wir haben selbst jetzt bei diesem Film auf Video nicht so wahnsinnig viel über den Rahmen hinaus gedreht.

Wir haben uns auch entschieden, unseren nächsten Film auch wieder auf Super-16 zu drehen, weil wir das einfach zu zweit schaffen. Das ist eh schon ungewöhnlich genug. Das ist eben noch nicht so einfach das Digitale, wenn du wirklich gute Qualität willst.

Und es ist auch jetzt eine große Frage für die Zukunft des Kinos, wer wird DCP (digitaler Kinostandard, Anm.) in 20 Jahren noch lesen können? Da gibt es noch eine große Unsicherheit. Erich Lessing sagt ja, er befürchtet, dass von dieser Zeit in der wir jetzt leben am wenigsten übrig bleiben wird.

 

War es eher eine Schwierigkeit oder etwas Dankbares einen Film über Fotografie zu machen?

Was wir nicht wollten, war Fotos abzufilmen uns einen Off-Text dazu, das ist zu einfach. Was uns sehr interessiert hat, war, wie ein Fotograf seine eigenen Arbeit reflektiert. Das finde ich auch so schön, dass er einfach sehr kritisch ist und sehr oft sagt, das ist banal, das ist schlecht. Gerade die Arbeit an dem Buch, die wir über zwei Jahre verfolgt haben: das erste Aussuchen, das zweite Aussuchen, das dritte Aussuchen und kurz vor der Fertigstellung das komplette In-Frag-Stellen.

Das ist auch wieder eine Parallele zum Filmemachen: Du kommmst immer an einen Punkt, wo du wieder in Frage stellst, ob das jetz zu einem guten Punkt kommen wird. Das ist auch eine Art von Mut zu sagen, das stelle ich jetzt so fertig.

 

Ist das zu zweit einfacher? Ihr macht ja alle Projekte gemeinsam.

Oh ja, das ist schon eine totale Unterstützung, gerade wenn einer ein bisschen einen Durchhänger hat und mal nicht mehr so viel Auftrieb, dann pusht der andere. Auch, dass die Verantwortung geteilt wird. Wir machen gemeinsam die Regie und das Organisatorische und dann macht der Rainer die Kamera und ich den Ton. Geschnitten hat den Film Emily Artmann. Heuzutage wird der Schnitt immer wichtiger für Dokumentationen, weil ja viel Material vorhanden ist und der Schnitt einfach die Richtung und den Rhythmus gibt. Und das hat sie einfach super gemacht. Für uns ist das jetzt eine totale ‘Zukunftsinvestition’, dass das Team von zwei auf vier gewachsen ist. Beim “Glanz des Tages” war ja auch noch ein Tonmann mit dabei, auf den wir uns auch verlassen können. Immerhin verdoppelt also, das ist schon ganz schön – aber das ist das Maximum.


Ihr seid beide gelernte Fotografen. Wie ist es euch gegangen über Fotografie einen Film zu machen? Wie seid ihr eigentlich zum Film gekommen nachdem ihr Fotografie studiert habt?

Wir haben eigentlich beide Film machen wollen von Anfang an. In die Filmakademien ist sehr schwer reinzukommen, grade von Südtirol aus. Ich bin quasi über die Fotografie dann zum Film, das war schon immer die Intention. Aber Fotografie zu studieren ist ja eine ganz große Vorbereitung. Die Einflüsse in meiner filmischen Arbeit kommen zuallererst von der Fotografie, vom August Sander, von Diane Arbus, von William Klein.


Gibt es Parallelen zwischen eurer Arbeit und der Reportagefotografie wie sie Erich Lessing gemacht hat?

Film ist ein visuelles Medium. Natürlich ist Dokumentation da um Sachen zu erzählen, um Fakten mitzuteilen. Aber ich finde, es ist ein Fehler, wenn die visuelle Qualität komplett wegfällt. Aber Du kannst einen visuell wunderbaren Film machen, wenn Du dich nicht dem Protagonisten näherst und kein Gefühl entwickelst, dann ist er einfach nicht gut. Das visuelle ist nicht genug. Es ist immer ein Mittelding zwischen beidem.

 

Also gilt das Zitat von Erich Lessing auch für euch: „Ich bin Geschichtenerzähler. Meine Bilder müssen etwas aussagen. Schöne Bilder zu machen überlasse ich anderen.“

Ja, das können wir unterschreiben!

 

 

In welche Richtung geht euer nächstes Projekt?

Es wird wieder ein Spieldokumentarfilm. Das macht uns, muss ich ehrlich sagen, am meisten Spaß. Wir sind gerade beim Schreiben und hoffen, dass wir das finanzieren können.


“Der Fotograf vor der Kamera” wurde ja auch von der BLS mitunterstützt.

Die BLS hat uns für diesen Film ein bisschen was gegeben. Das war aber eine Ausnahme, ein einziges Mal, weil ich Südtirolerin bin und weil wir ein bisschen was in Südtirol ausgeben.

Was ich schade finde ist, dass du eine Filmförderung hast, die rein auf Wirtschaft bedacht ist, die rein auf Wiederverwertung des Geldes bedacht ist. Wenn Du soviel Geld hast – und das find ich jetzt nicht wegen mir – kannst du einen ganz kleinen Teil für künstlerische Filme ausgeben. Ich find einfach das Denken, dass Du nur Dinge machst, die auch wirtschaftlich zurückkommen, einfach falsch in der Kunst. Und Film ist eben auch Kunst. Dass sie sich nur auf diese Ausrichtung konzentrieren find ich ein bisschen schade.

Es gibt Produktionen, die extra auf einer Hütte im Schnalstal etwas drehen, damit sie Geld kriegen, aber das mache ich nicht. Und was geben wir schon aus in Südtirol, wenn wir zu zweit auf dem Dreh sind? Wir können der Wirtschaft nichts gutes tun. Unsere Produktionsweise ist zu billig für Südtirol.


 

ZUM FILM

“Der Fotograf vor der Kamera” ist ein Porträt des österreichischen Fotografie-Veterans Erich Lessing. Die rein beobachtende Dokumentation begleitet den 90-jährigen über zwei Jahre bei seinem immer noch überaus aktiven Leben: in seiner neueröffneten Wiener Galerie und bei der Vorbereitung und Auswahl seines “letzten Fotobuches”. Erich Lessing ist Mitglied der berühmten Magnum-Reportage-Fotoagentur; von ihm stammt unter anderem das berühmte Staatsvertragsfoto von Leopold Figl auf dem Balkon des Belvedere.

“Der Fotograf vor der Kamera ist die vierte Langfilmarbeit von Tizza Covi und ihrem Wiener Partner Rainer Frimmel; zuletzt waren die beiden mit “Der Glanz des Tages” (Filmtage Bozen 2013) international erfolgreich.

Dezember 5, 2013

Das Innsbrucker Village & das ewige Lied vom Geld

Filed under: 'Durch den Film gedacht',Film — Marian W @ 17:36
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Anlässlich des Kinostarts von „Inside Llewyn Davis“ ein post , der schon zur Premiere auf der Viennale geschrieben wurde:

Was hat der neue Film der Coen-Brüder mit einem Innsbrucker Konzert zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Aber weil die Coens in „Inside Llewyn Davis“ mit der Geschichte eines Musikers eine allgemeine Parabel, in einem bestimmten Milieu, erzählen, ist die Verbindung nicht allzu weit hergeholt.

Es geht in dem Film, der die heurige Viennale eröffnet hat, um einen Folk-Musiker, der sich im bitterkalten Winter des Jahres 1961 versucht mit kleinen Gigs über Wasser zu halten und auf der Suche nach einem Schlafplatz durch das New Yorker Village tingelt. Der Film beginnt aber mit einem Auftritt, der am Ende die Klammer wieder schließen wird: Im heute legendären ‚Gaslight‘-Club gibt Llewyn einen melancholischen Song zum Besten und lässt danach den Hut herumgehen. „Playing for the basket“ – dieses Finanzierungsmodell ist scheins auch gute 50 Jahre später, trotz aller Umbrüche in der Musikwelt, immer noch nicht ausgestorben. Was damals mit einer Chance auf einen Plattenvertrag verbunden war, ist aber heute bestenfalls ein bescheidenes Almosen um das die Musiker das Publikum demütig anbetteln müssen.
Im kleinen hiesigen Pendant des ‚Gaslight‘, dem ‚Early Bird‘, treten in der Gegenwart ebenfalls oft „unberühmte“ lokale Musiker auf und müssen sich auf ihren Hut und das mehr oder weniger spendable Publikums verlassen, zuletzt etwa im Oktober bei einem Konzert von Kamil Szlachta. Dort allerdings ging der Hut nicht einmal für den Musiker selbst durch die Reihen, sondern für einen guten Zweck: konkret ging es darum, zum Kauf eines neuen Mischpults beizutragen, das verwendbare Live Mitschnitte ermöglicht – und das kostet mehr als ein paar Münzen. So verfahren ist die Situation also am unteren Ende der Musikbranche auch hierzulande  in der Innsbrucker Großstadt, nicht nur im New Yorker Village der 60er. Die Dreiecksbeziehung zwischen Musiker, Veranstalter und Publikum ist eine noch schwierigere Liebesgeschichte geworden.

Auf den zweiten Blick ist es also doch anders als zur Zeit von Llewyn Davis, der zumindest noch „entdeckt“ werden und damit in die Branche einsteigen konnte. Heute ist die Verwertung von Musik zwar nach dem Sterben der Tonträger wieder primär auf Live-Auftritte ausgelegt; das Verhältnis von dem, was das Publikum bereit ist zu zahlen, und den Unkosten von Veranstaltern und Musikern, geht jedoch vorallem für die Kleinen nicht mehr auf. Vom hauptberuflichen Davon-Leben-Können junger Musiker gar nicht zu reden. Ganz nüchtern betrachtet: Es geht nicht darum, auf einer Bühne vor Publikum sein musikalisches Können zu beweisen als realistisches Karriere-Sprungbrett und irgendwann klappt’s dann und man wird belohnt. Die Faktoren für den ersehnten Erfolg sind nicht mehr zu erkennen und kalkulierbar. Das Publikum ist zugleich überfordert und verwöhnt – und da zähle ich mich selbst als Musikbanause durchaus dazu: Als ich vor Kurzem 35 Euro für einen Live-Auftritt und eine CD-Box eines zugegeben ziemlich coolen Amerikaners gezahlt habe, hab ich es am nächsten Tag schon fast bereut. Dass die Auftritte seines one-man Euro trips inklusive Vorband und Hotel auch irgendwie bezahlt werden müssen, weiß mein schlechtes Publikumsgewissen natürlich.

Aber kein Grund zur zwecklosen Nostalgie nach vermeintlich besseren Zeiten: In der Geschichte der Coens geht es damals schon nicht um die musikalische Qualität. Die absurdesten Folk-Performer treten mit Llewyn zusammen auf, von der Oma mit ihrer Klampfe bis zum einschläfernden Rollkragen-Matrosenquintett. Einmal wird Llewyn sogar für eine textlich grenzdebile komödiantische Elvis-Imitation engagiert, die dann zum Hit wird, ohne dass der Unglücksrabe etwas davon hätte. Er will bei seinem Ding bleiben und macht sich auf nach Chicago um beim Betreiber eines großen Clubs vorzuspielen. Nach einer anstrengenden Autostopp-Fahrt mit dem grandios-bösen John Goodman, bewegt er den Manager dazu, ihm einen Song lang zuzuhören. Doch der sagt nur einen Satz zu ihm: „I see no money here.“ Wie der Film dann schlussendlich ausgeht, gibt’s ab sofort im Kino zu sehen. Nur soviel: Am Schluss sieht man einen 21-jährigen Typen mit Wuschelkopf im Gaslight zur Gitarre greifen und mit markanter Stimme seine Folksongs singen – *er* wird damit die ersten Schritte auf dem Weg zur Legende gehen – und den Mythos des ‚genialen shooting stars‘ vorführen. Im Jahr 2013 aber gilt für das Tiroler Publikum vorallem eines: ohne Money hört die Musik hier irgendwann auf.

Oktober 11, 2013

Houston antwortet nicht – Review: GRAVITY

Filed under: Film Review — Marian W @ 23:59

“Gravity” hatte in den USA gerade den erfolgreichsten Kinostart aller Zeiten im Oktober. Das ist umso erstaunlicher als es sich dabei nicht gerade um einen 0815-Blockbuster handelt. Harry-Potter-3-Regisseur Alfonso Cuarón lässt den gesamten Film im Weltraum in Sichtweite der Erde spielen und es kommen lediglich zwei Figuren vor. Dieses extrem reduzierte, kompromisslose Konzept trifft auf eine einfache Überlebensgeschichte: Wissenschaftlerin Ryan Stone (Sandra Bullock) ist zusammen mit dem coolen Commander Matt Kowalski auf Reperaturmission beim Weltraumteleskop Hubble als eine missglückte Satellitenzerstörung eine Kettenreaktion auslöst. Die NASA kennt dieses Horror-Szenario als ‘Kessler-Effekt’ bei dem unkontrollierter Weltraumschrott in der Umlaufbahn immer mehr der teuren Technik vernichtet – so gesehen ist “Gravity” keine Sciene-Fiction. Im Film überleben die beiden Astronauten den Einschlag nur knapp. Das Beunruhigenste jedoch ist, dass der Funkkontakt zur Bodenstation abbricht – Houston antwortet nicht. Das ist der wesentliche Unterschied zur technik-lastigen Verfilmung der berüchtigten “Apollo 13”-Mission (“Houston, we have a problem”).

Cuaróns Weltall-Odyssee ist weitaus experimenteller und steht damit zwischen dem Tom-Hanks-Klassiker und visionären Filmen wie Kubricks gefährlich langsamen “2001 A Space Odyssey”. Vorallem auf visueller Ebene steht “Gravity” zweiterem in nichts nach: Der renommierte Kameramann Emmanuel Lubezki (“Tree of Life”) schafft es mit langen bewegten Einstellungen ein Gefühl für die Schwerelosigkeit zu erzeugen, das durch den 3D-Effekt eine unglaubliche Kraft entwickelt. Noch nie war 3D passender – ‘Raumerfahrung’ als Essenz des Kinos. Diese körperliche Transgression bekommt man als Zuschauer sonst, außerhalb des Horror-Genres, selten zu spüren. Wenn Ryan hilflos im Weltraum herumdriftet, wird man auch als Zuschauer in diese völlige Orientierungslosigkeit hineingezogen, trotz der melancholischen Erdkugel, die immer wieder im Hintergrund auftaucht.

“Gravity” wagt damit einen Spagat zwischen einem fast schon experimentellen Kino von Kubrick’schem Zuschnitt ohne dabei auf der anderen Seite die Grundregeln des Erzählkinos in Richtung Langeweile zu brechen. Man kann auch diese Odyssee als philosophische Allegorie lesen; an der spannenden Oberfläche passiert innerhalb der Hollywood-Standardlänge von 90 Minuten jedoch einiges an Action. Sandra Bullock (auf dem Weg zu einer Oscar-Nominierung) spricht zur Not mit sich selbst um der Stille des Weltraums etwas entgegenzusetzen, auch wenn die Haupt- und die Nebenrolle eher holzschnittartig angelegt sind. Diese Mischung könnte man als missglückten Kompromiss sehen – oder als mutiges Kunstkino für alle. Dass sie jedoch überhaupt möglich und finanzierbar ist, sollte die Kritiker eines vermeintlich unambitionierten Hollywood-Kinos Lügen strafen.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom Fr 11.10.2013]

 

UPDATE:

  • This funny recut of the gravity trailers as a Rom Com: 

  • and a reaction to the teaser:

Oktober 5, 2013

Endlose Intrigen im vatikanischen Sündenpfuhl – Review: BORGIA

Filed under: Film Review — Marian W @ 23:59

Diese TV-Kritik bezieht sich auf die europäische Serie „Borgia“, nicht auf die US-Serie „Borgias“, die beide 2011 als englischschsprachige Konkurrenz-Produktionen mit gleichem Konzept entstanden – eine Idiotie sondergleichen! Auf einen verwirrenden Vergleich habe ich jedoch wg. Platzmangels verzichtet.

Angesicht der fortschrittlichen Worte des netten aktuellen Papstes Franziskus vergisst man beinahe, dass seine Vorgänger auf dem Stuhl Petri oft weniger angenehme Zeitgenossen waren. Am berüchtigsten ist jene Zeit, von der die Serie “Borgia” erzählt. Kommenden Montag endet die zweite Staffel der europäischen Gemeinschaftsproduktion.

Wie schon in der ersten Staffel geht es um die Intrigen der spanischen Familie Borgia und ihren Pater Familias Rodrigo alias Papst Alexander. Die zweite Staffel ist insgesamt etwas dunkler angelegt. Der Sohn des Papstes Cesare rückt stärker in den Fokus. Er versucht nun als Feldherr anstatt im Priestergewand Karriere zu machen. Rot und Schwarz heißen diese beiden Wege zur Macht beim französischen Schriftsteller Stendhal. Das Ziel ist allerdings das gleiche: Machtgewinn und Machterhalt für die eigenen Familie – so gesehen ist “Borgia” eine Familienserie. Gott allerdings ist in diesem irdischen Spiel nur als moralische Drohung der ewigen Verdammnis präsent. Die Mehrheit der armen Bevölkerung kommt natürlich – auch in der Serie – bestenfalls am Rande vor, als schmutziger Pöbel. Und auch die Frauen spielen nur eine melodramatische Nebenrolle im Machtpoker – auch wenn am Ende eine Überraschung auf Lucrezia Borgia wartet. Sie sind zur Befriedigung der Männer da und dürfen sich für die Kamera entblößen.

Nachwievor geht es den Machern der Serie darum, das Image des verkommenen Sittenbildes im Vatikan als Unterhaltung zu inszenieren. Deshalb versuchen sie die dialoglastigen Szenen des endlosen Intrigen-Spinnens auch mit Sex und Gewalt aufzufetten. Für’s Fernsehen ist das ungewohnt, zumal im katholischen Österreich, weshalb der ORF die Serie auch erst im Spätprogramm sendet. Wirklich skandalös sind die nackten Körper und sexuellen Ausschweifungen aber heutzutage auch nicht. Der Papst hat Sex und Kinder: zu jener Zeit normal und heute für 600 Minuten Serie etwas zu wenig aufregend. Und auch die Gewalt bleibt auf einige brutale Andeutungen beschränkt. Vorallem aber bleibt in der überladenen Geschichte leider wenig Zeit für das Ausarbeiten der Figuren und Beziehungen und damit die Spannung auf der Strecke.

Historisch ist das alles nur bedingt; das muss man von einer Fernsehserie aber auch nicht erwarten. Wer sich für die realen Hintergründe der Borgias und ihrer Zeit interessiert, ist bei der Dokumentation “Der Fall Borgia” richtig, die zum Start der Staffel zu sehen war (wer sie verpasst hat: sie ist in der ZDF Online-Mediathek abrufbar).

Wem dagegen das Intrigenspiel um Macht zusagt, dem sei stattdessen die US-Serie “House of Cards” ans Herz gelegt. Sie spielt in der Welt des US-Congress und ist somit gerade topaktuell. Die Machtkämpfe sind dort wesentlich spannender und intelligenter erzählt als der vermeintlich historische Kostümreigen der Borgias. Und noch dazu ist mit Kevin Spacey als skrupellosem Politiker eine Figur von wahrhaft Shakespeareschen Format am Werk. “House of Cards” ist das bessere “Borgia”.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom Sa 5.10.2013] – gegenüber der Religionsseite

Oktober 3, 2013

“Das Glück ist dein Feind” – Review: RUSH

Filed under: Film Review — Marian W @ 23:59

Mit “Rush” kommt ein Film ins Kino, der über einen bloßen Rennfahrerfilm hinausgeht. Im Zentrum steht die Rivalität der beiden ungleichen Formel-1-Piloten James Hunt und Niki Lauda, basierend auf realer Sportgeschichte. Niki Lauda kennen junge Österreicher ja vorallem als den Experten mit dem roten Kaperl für alles was mit Motorsport und Fliegen zu tun hat. Kein Flugzeugunglück vergeht ohne seine Kommentare und auch als Werbeträger ist er bis heute präsent. Sein schwerer Unfall am Nürburgring ist ihm aber auf ewig ins Gesicht geschrieben. Rivale James Hunt dagegen ist schon 1993 an einem unspektakulären Herzinfarkt verstorben. So gesehen macht es Sinn, dass Niki Lauda – genial gespielt von Daniel Brühl – als Erzähler des Film fungiert. Die Geschichte setzt ein, als Lauda und Hunt (Chris Hemsworth) sich zum ersten Mal gegenüberstehen. Schnell schaffen es beide in die höchste Liga des Motorsports und das Duell um den Weltmeistertitel beginnt. Der Angelpunkt des Films ist ihre Rivalität, die wohl auch von den Medien befeuert wurde. Die Beziehung dieser zwei ungleichen Legenden macht “Rush” über den bloßen Sport hinaus interessant: Auf der einen Seite ist der blonde Playboy aus England – vorallem von seinen Frauengeschichten bekommt man einiges zu sehen. Lauda andererseits wird von Brühl als steifes, abseits der Rennstrecke etwas unbeholfenes Arbeitstier dargestellt, inklusive gewöhnungsbedürftigem österreichischen Akzent auch auf Englisch und der realistischen Maske nach dem Unfall. Beide sind auf ihre Art Sympathieträger, gemeinsam haben sie jedoch den zuweilen todesmutigen Ehrgeiz. Lauda meint an einer Stelle gar: “Das Glück ist dein Feind, es schwächt Dich, es lässt Dich zweifeln.”

Auch jene, die sich für das stundenlange Im-Kreis-Fahren im Männersport Formel 1 sonst nicht begeistern können, werden sich mitunter am Kinosessel festklammern. Der Nervenkitzel des sportlichen Duells ist in “Rush” nämlich eine perfekte Symbiose mit der Spannung im Kino eingegangen. Nicht nur was die eher kurzen Rennszenen betrifft; auch Drehbuchautor Peter Morgan (“Frost/Nixon”) liefert mit der Adaptierung dieser ‘kinoreifen’ realen Geschichte von 1976 eine vollends auf Zug und ‘Rush’ ausgelegte Dramaturgie. Negativ fällt höchstens die episch-überladene Musik von Hans Zimmer auf. Die Bildsprache mit ihren vielen Close-ups dagegen ist in einem rauen Retrostil gehalten und die schnellen Schnitte sind nirgendwo passender als in einem Rennfilm. So schafft es Regisseur Ron Howard (“Apollo 13”, Oscargewinner “A Beautiful Mind”) den Pathos des Gewinnens und Verlierens und die Psychologie des Ehrgeizes sauber ins Bild zu setzen. Ein Showdown auf höchstem handwerklichem Niveau, der in Amerika schon als Kandidat für einige Oscarnominierungen gehandelt wird.

 

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom Do 3.10.2013]

Oktober 1, 2013

Ilija Trojanow wird Einreise in USA verweigert

Filed under: Film Review,Journalistisches,politics — Marian W @ 17:00

[Bericht für die Print-Ausgabe der Dolomiten vom 2.10.]

Wie zahlreiche deutsche Medien berichten, wurde dem europäischen Schriftsteller Ilija Trojanow gestern die Einreise zu einem Kongress in die USA verweigert. Unter Berufung auf Schriftstellerkollegin Juli Zeh und Trojanows Verlag heißt es, Bestseller-Autor Trojanow sitze in Brasilien am Flughafen fest,  offizielle Begründung habe er keine erhalten. In einem Statement von Tojanow selbst für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt er “Einer der wichtigsten und bedrohlichsten Aspekte des NSA-Skandals ist die geheimnistuerische Essenz des Systems. Transparenz ist offensichtlich der größte Feind jener, die vorgeblich die Freiheit verteidigen. Es ist mehr als ironisch, wenn einem Autor, der seine Stimme gegen die Gefahren der Überwachung und des Geheimstaates im Staat seit Jahren erhebt, die Einreise in das „land of the brave and the free“ verweigert wird.
Trojanow, der vorallem für seinen Roman “Der Weltensammler” bekannt ist, übte nach Bekanntwerden des NSA-Überwachungsskandals starke Kritik an den Auswüchsen des Überwachungsstaates. Gemeinsam mit Juli Zeh gab er schon 2009 das Buch “Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte” heraus und initiierte im vergangenen Juli einen offenen Brief an Angela Merkel, der von einer Reihe bekannter Künstler unterzeichnet wurde. Darin wird eine angemessene Reaktion auf die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden gefordert. Juli Zeh schrieb in ihrer ReaktionFormulieren wir es mal positiv: Unser aller Engagement zeigt Wirkung. Es wird zur Kenntnis genommen. Formulieren wir es negativ: Es ist eine Farce. Die reine Paranoia. Menschen, die sich für Bürgerrechte starkmachen, werden als Staatsfeinde behandelt.“ Trojanow ist deutscher Staatsbürger und lebt in Wien.

September 26, 2013

Monster aus dem ewigen Eis – Review: BLUTGLETSCHER

Filed under: Film Review — Marian W @ 23:59

Sulden ist ja nicht unbedingt verdächtig, ein sehr unheimlicher Ort zu sein. Trotzdem ist “Blutgletscher”, der Horrorfilm des Österreichers Marvin Kren, am Ortler gedreht worden. Es geht darin um die Klimaforschungsstation Glacius. Sie ist mit drei Wissenschaftlern und einem Ingenieur besetzt. Letzterer heißt Janek und lebt schon fünf Jahre in dieser Einsamkeit. Doch dann passieren plötzlich seltsame Dinge: der Gletscher färbt sich blutrot und Janeks Hund wird von einer merkwürdigen Kreatur verletzt. Die Wissenschaftler haben eine Theorie, die sich bald bewahrheitet: Durch die Gletscherschmelze hat das ewige Eis Mikroorganismen freigegeben, die ihre Wirtstiere mutieren und Kombinationen wie Fuchsassel und Adlerbiene entstehen lassen – die brutale Rache der Natur als Kritik am Klimawandel. Die Natur beweist dabei gutes Timing: Denn gerade jetzt kommt auch noch Yanniks alte Liebe Tanja und die Umweltministerin mit ihrer Entourage zu einem PR-Besuch vorbei – und die Ministerin entwickelt in dieser Situation ungeahnte Fähigkeiten.

Was zunächst nach einem B-Movie klingt, wird von Kren sehr reduziert inszeniert und damit vor der Lächerlichkeit bewahrt. Nur der mutierte Steinbock sorgt für etwas Splatter-Komik. Kamera und vorallem Ton und Musik sind dagegen professionell und effektiv eingesetzt um Angst zu erzeugen. Marvin Kren weiß auch die Landschaft zu nutzen und bringt das Bedrohliche der Berge zum Vorschein. “Alles andere als alpine Postkarten-Romantik” wollte er damit vermitteln. Erstaunlicherweise funktioniert diese Kombination auch auf österreichisch: Inmitten dieser Kulisse erweckt er so eine klassische Monster-Horrorgeschichte zum Leben. “Creature Feature” nennt sich dieses Genre und Kren orientiert sich an den großen Genremeistern aus den USA, wie etwa Ridley Scotts “Alien”, Cronenbergs “The Fly” oder vorallem auch “The Thing”, das im Remake von John Carpenter zum Genremeilenstein wurde. Die einsame Station inmitten der eisigen Natur bringt Kren vom Südpol in die heimische Bergwelt und auch Janeks Figur ist eine Wiener Variante des bärtigen wortkargen Kurt Russell. So verwundert es auch nicht, dass es im “Hollywood Reporter” hieß, der Film sei die österreichische Antwort auf “The Thing”. Das darf durchaus als Lob aufgefasst werden. Die Mischung überzeugte auch beim internationalen Publikum: “Blutgletscher” wurde – als erster österreichischer Film überhaupt – in der Reihe “Midnight Madness” beim großen Filmfestival von Toronto gezeigt und eröffnete letzte Woche das Slash-Filmfest in Wien. Auch wenn es hierzulande schwierig ist: der Mut zum Genrefilm erwacht.

 

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom Do 26.9.2013]

September 12, 2013

Klassenkampf im Weltraum – Review: ELYSIUM

Filed under: Film Review — Marian W @ 23:59

Ein kahlrasierter, tatöwierter Matt Damon als bettelarmer Arbeiter und Jodie Foster, die als Verteidigungsministerin so kaltblütig agiert wie einst Hannibal Lector – mit diesen Zutaten war dem Regisseur Neill Blomkamp die Aufmerksamkeit für seinen zweiten Film sicher. Dabei war der Südafrikaner schon mit seinem Debut “District 9” sowohl bei den Kritiken als auch an der Kinokasse überaus erfolgreich. Darin ging es um die Rassentrennung von Aliens in einem Ghetto namens District 9 – ein in dokumentarischem Stil gedrehter Sci-Fi-Actionfilm.

Auch in “Elysium” nimmt Blomkamp ein überdeutliches sozialkritisches Thema als Ausgangpunkt für einen SciFi-Blockbuster: Im Jahr 2154 lebt die Mehrheit der Menschen in bitterer Armut in zu Slums gewordenen Städten. Die wenigen Reichen haben sich auf eine Raumstation namens “Elysium” zurückgezogen, von wo aus sie die Armen ausbeuten.

Im Zentrum der Geschichte steht der “Good Guy” Max da Costa. Als er bei einem Arbeitsunfall verstrahlt und in Folge einfach entlassen wird, hat er nichts mehr zu verlieren. Der Countdown läuft: mit Hilfe einer Rebellen-Gang, die ihn in ein Exo-Skelett steckt, macht er sich auf nach Elysium. Dort liegt seine einzige Chance auf Heilung. Und weil er ein Guter ist, versucht er auch gleich noch die kranke Tochter seiner Jugendliebe und überhaupt die ganze unterpriviligierte Menschheit zu retten. Seine Widersacher sind die skrupellose Ministerin mit dem sprechenden Namen Delacourt (Foster) und ihr Hardcore-Söldner Kruger (Sharlto Copley), der neben der langweiligen Figur Matt Damons sogar irgendwie sympathisch wirkt.

Abgesehen von der Raumstation ist das zunächst einmal keine distopische Zukunftsfantasie, ‘Gated Communities’ und Slums existieren im globalisierten Hyperkapitalismus auch heute nebeneinander. Die Entscheidung in den Favelas von Mexiko City zu drehen ist also mehr als passend. Das Habitat Elysium dagegen mit seinen ausgedehnten Parks, Pools und herrschaftlichen Anwesen in Marmor wurde großteils im Studio und in echten Hollywood-Villen gefilmt. Das verleiht dem Film einen glaubwürdigen Kontrast zwischen der Rauheit der Armut und dem sterilen Luxus der Oberschicht. Der Look auf der Erde erinnert in manchen Momenten an die raue, dreckige, dunkle Realwelt in “Matrix”. Der Südafrikaner Blomkamp bleibt mit “Elysium” jedoch insgesamt visuell und moralisch auf der sonnigen und sicheren Seite. Aber er ist sich der sich der Schwierigkeit bewusst, das ernste Thema mit dem Unterhaltungsfaktor auszubalancieren. “Elysium” ist der ehrenwerte und erfolgreiche Versuch das Science-Fiction-Genre näher an die Gegenwart heranzuführen. Das birgt aber in diesem Fall mehr als sonst die Gefahr in sich, die Gegenwartskritik in eine irreale Zukunft abzuschieben. Ein guter Action-Film mit Anspruch ist “Elysium” aber allemal.

 

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom Do 12.9.2013]

August 22, 2013

Rentner, extrem gefährlich – Review: R.E.D. 2

Filed under: Film Review — Marian W @ 23:59

Retired, Extremely Dangerous” – das versteckt sich hinter dem Titel der Actionkomödie “R.E.D. 2”. Der erste Teil rund um die in die Jahre gekommenen James-Bonds war 2010 relativ erfolgreich, also wurde die DC Comic-Verfilmung in die zweite Runde geschickt. Allzusehr unterscheidet sich das Sequel nicht von seinem Vorläufer; die Story ist im Grunde die gleiche: Während es in Teil 1 um eine CIA-Mission in Guatemala ging, die die pensionierten Agenten unfreiwillig zur Rückkehr aus dem Ruhestand zwang, ist es nun eine alte Geschichte aus dem Kalten Krieg in Moskau. Hauptfigur ist wiederum Frank Moses (ein etwas gelangweilter Bruce Willis), den wieder das Berufsrisiko einholt, Jahrzehnte später als Mitwisser liquidiert zu werden.

Dass Geheimdienste keine angenehmen, demokratie-freundlichen Vereine sind und sich im Zweifel einen Dreck um die Gesetze scheren, ist im Kino schon länger bekannt. Wie nah das Blockbuster-Kino dabei an der Realität ist, kann man zur Zeit bei den Agenten-Thrillern in den internationalen Nachrichten bestens beobachten. In “R.E.D.” war der Aufhänger, dass ein Geheimdienst-Killerkommando einen unliebsamen Journalisten liquidierte; in “R.E.D. 2” wird Wikileaks zum Auslöser für die neuerliche Ruhestörung in der Rente. Auf der Enthüllungsplattform ist nämlich ein altes Dokument aus dem Kalten Krieg aufgetaucht. Zusammen mit herrlich verrückten ehemaligen Kollegen Marvin (John Malkovich) beweist Frank, dass er ‘es auch im Alter immer noch drauf hat’. Die humorvolle Schnitzeljagd führt sie dabei rund um den Globus mit rasanter Action in Amerika, Paris, Moskau und London. Zwischen den Schießereien sind Frank und seine in Teil 1 eroberte abenteuerlustige Ehefrau Sarah – die einzige Zivilistin weit und breit –  immer wieder mit Beziehungsarbeit beschäftigt. Marvin steht Frank dabei mit hilfreichen Tipps zur Seite und erklärt ihm die Welt der Liebesbeziehung in für ihn verständlichen militärischen Begriffen. Er müsse sich die emotionale Sicherheit erkämpfen usw.

„If there’s one thing I know, it’s women and covert operations.“ – „Marvin, that’s two things.“ – „No, grasshopper. It is not.“
“Wenn es eine Sache gibt, bei der ich mich auskenne, sind es Frauen und verdeckte Missionen. – “Das sind zwei” – “Nein ist es nicht.”

Alte Bekannte – von der russischen Gegenseite und dem britischen MI6 – sowie freischaffende Auftragskiller gesellen sich dazu und bald weiß in diesem 0815-Agenten-Plot keiner mehr, wer eigentlich gegen wen und für was kämpft – ganz wie in echt eben. Die Opferzahl wird immer höher (auch wenn der Film dabei nicht allzu brutal ist). Fast ebenso hoch ist die Zahl der prominenten Schauspieler; ein wenig ist manchen Stars die Langeweile anzumerken, obwohl hin und wieder, vorallem bei Malkovich und den Oscar-Preisträgern Anthony Hopkins und Helen Mirren, die selbstironische Spielfreude aufblitzt. Insgesamt ein routinierter Aufguss ohne Überraschungen.

Den Filmslogan “The best never rest” hat sich auch das Studio zu Herzen genommen; an einem dritten Teil – wohl mit gleichem Plot – wird schon geschrieben.

 

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom Do 22.8.2013]

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