Marian Williams – blog:kaatibun movies and more

Oktober 1, 2013

Ilija Trojanow wird Einreise in USA verweigert

Filed under: Film Review,Journalistisches,politics — Marian W @ 17:00

[Bericht für die Print-Ausgabe der Dolomiten vom 2.10.]

Wie zahlreiche deutsche Medien berichten, wurde dem europäischen Schriftsteller Ilija Trojanow gestern die Einreise zu einem Kongress in die USA verweigert. Unter Berufung auf Schriftstellerkollegin Juli Zeh und Trojanows Verlag heißt es, Bestseller-Autor Trojanow sitze in Brasilien am Flughafen fest,  offizielle Begründung habe er keine erhalten. In einem Statement von Tojanow selbst für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt er “Einer der wichtigsten und bedrohlichsten Aspekte des NSA-Skandals ist die geheimnistuerische Essenz des Systems. Transparenz ist offensichtlich der größte Feind jener, die vorgeblich die Freiheit verteidigen. Es ist mehr als ironisch, wenn einem Autor, der seine Stimme gegen die Gefahren der Überwachung und des Geheimstaates im Staat seit Jahren erhebt, die Einreise in das „land of the brave and the free“ verweigert wird.
Trojanow, der vorallem für seinen Roman “Der Weltensammler” bekannt ist, übte nach Bekanntwerden des NSA-Überwachungsskandals starke Kritik an den Auswüchsen des Überwachungsstaates. Gemeinsam mit Juli Zeh gab er schon 2009 das Buch “Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte” heraus und initiierte im vergangenen Juli einen offenen Brief an Angela Merkel, der von einer Reihe bekannter Künstler unterzeichnet wurde. Darin wird eine angemessene Reaktion auf die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden gefordert. Juli Zeh schrieb in ihrer ReaktionFormulieren wir es mal positiv: Unser aller Engagement zeigt Wirkung. Es wird zur Kenntnis genommen. Formulieren wir es negativ: Es ist eine Farce. Die reine Paranoia. Menschen, die sich für Bürgerrechte starkmachen, werden als Staatsfeinde behandelt.“ Trojanow ist deutscher Staatsbürger und lebt in Wien.

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Februar 27, 2013

Hollywood rettet die Welt – Review ARGO

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches,politics — Marian W @ 00:07
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Die islamische Revolution im Iran 1979 und die Produktion eines Hollywood Science Fiction B-Movies haben wenig miteinander zu tun. In “Argo” kommt dennoch beides zusammen. Umso erstaunlicher, dass die Geschichte von Ben Afflecks dritter Regiearbeit auf einer historischen Begebenheit beruht. Im Zuge der Revolution wurde damals bekanntlich die amerikanische Botschaft in Teheran gestürmt und die Botschaftsangestellten als Geiseln genommen. Sechs von ihnen gelang allerdings unbemerkt die Flucht ins Haus des kanadischen Botschafters. Die Geschichte, die der Film nun über den CIA-Agenten Tony Mendez erzählt, klingt so abenteuerlich, dass sie durchaus eine Komödie abgeben könnte, wäre sie nicht wahr (die Geheimakten dazu wurden erst in den 90er Jahren freigegeben). Mendez wird nämlich beauftragt die sechs Amerikaner aus dem Iran heraus zu schmuggeln. Zu diesem Zweck will er sie als kanadisches Filmteam auf Drehort-Suche tarnen. Nachdem einige andere Möglichkeiten verworfen wurden, kann er seine Vorgesetzten davon überzeugen, dass seine “Option Hollywood” noch die besten Erfolgschancen hat. Er selbst gibt den Produzenten und zusammen mit CIA-Kontakten in Hollywood – großartig John Goodman! – bereitet er den falschen Film im Film penibel vor, inklusive Drehbuch, Poster und Presse. Wirklich Fahrt nimmt “Argo” auf als Mendez im Iran eintrifft und die zu Befreidenden in ihre falschen Identitäten einweist. Afflecks Leistung als Regisseur ist, dass er eine Geschichte, deren Ausgang von Anfang an recht klar ist, dennoch extrem spannend erzählt. Ohne zuviel zu verraten, sei gesagt, dass einen der Cliffhanger des Films durchaus nägelbeißend an den Rand des Kinosessels rutschen lässt. “Argo” ist daher trotz der absurden story zuallererst ein Agententhriller. Affleck orientiert sich dabei auch stilistisch an Filmen der 70ern wie “Drei Tage des Condors” oder “All the President’s Men”, die ohne pompöse Action und Schnörkel Spannung aufbauen. Sehr routiniert wird dabei vieles nur angedeutet und wenig auserzählt. Es bleibt in den 120 Minuten keine Zeit für ausladende Monologe und lange Szenen, so wie auch in der Filmhandlung die Zeit drängt, das Land zu verlassen.

Lediglich im Prolog und im Epilog deutet Affleck mit Archivmaterial die große Historie rund um diese kleine wahre Geschichte an, vielleicht mit etwas zu viel Heldenpathos. Leichte Schwächen zeigt der Film nur bei den doch arg klischeehaften ‘bösen Iranern’ – was durchaus aktuelle politische Brisanz hat. Davon abgesehen ist “Argo” aber ein mehr als ordentlicher Thriller und im Rennen um die Oscars vorne mit dabei.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 26.11.2012]

Februar 22, 2013

Ein Jahrzehnt und ein paar Monate – Double Review ‚Lincoln‘ & ‚Zero Dark Thirty‘

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches,politics — Marian W @ 17:22
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Der Flugzeugträger auf dem US-Präsident George Bush 2003 vorschnell die Worte “Mission Accomplished” verkündete, hieß “USS Abraham Lincoln”. Eine Ironie der Geschichte, der auch das gegenwärtige US-Kino Parallelen abgewinnen kann. Die Behauptung aus Hollywood komme kein politisches Kino war noch nie so falsch: In Steven Spielbergs “Lincoln” und Kathryn Bigelows “Zero Dark Thirty” setzt sich Amerika auf sehr gegensätzliche Weise mit sich selbst auseinander – vom Bürgerkrieg zum Krieg gegen den Terror. “Lincoln” spielt (wie auch Tarantinos Sklaven-Actioner “Django Unchained”) in der für die Amerikaner so wichtigen Gründerzeit. Großmeister Spielberg liefert aber mit seiner Hommage an den legendären Bürgerkriegspäsidenten auch eine vieldiskutierte Folie auf die erste Amtszeit Obamas. Beide Filme machen es sich und dem Zuschauer nicht leicht und sind alles andere als ein einfaches statement. Zusammen mit dem Bühnenautor Tony Kushner hat Spielberg eine neue 900-seitige Biografie über Lincoln zu einer erstaunlich ruhigen Nahaufnahme der letzten Lebensmonate Lincolns verarbeitet. Daniel Day-Lewis verkörpert Obamas Lieblings-Vorgänger nicht nur äußerlich genial und hat nach dem Golden Globe mehr als gute Chancen auf seinen dritten Oscar. Es ist ein zugleich menschliches wie mythisches Bild das hier in episch-ausgeleuchteten Innenaufnahmen gezeigt wird. Die Handlung dreht sich fast ausschließlich um den Verfassungszusatz zur Abschaffung der Sklaverei für den Lincoln sogar Abgeordnete bestechen lässt und das Ende des Krieges hinauszögert. Diesen zähen demokratischen Kampf um eine Mehrheit kann man durchaus als Analogie zu Obamas Gesundheitsreform lesen.
In “Zero Dark Thirty” geht es dagegen weniger um die hohe Politik als um die 10-jährige Jagd nach Osama Bin Laden. Als moralische Provokation beginnt Bigelow ihren Film mit Stimmen von 9/11-Opfern, nur um dann mit einem einzigen harten Schnitt in ein brutales Waterboarding-Verhör zu springen. Der neue Präsident Obama erscheint nur einmal in der Mitte des Films am Fernsehschirm um zu verkünden, dass Amerika jetzt nicht mehr foltern werde. Die ebenso verletzliche wie harte CIA-Agentin Maya hat zu diesem Zeitpunkt schon dutzende solcher Verhöre mitgemacht um ‘ihrem heiligen Gral’ näher zu kommen. Mittlerweile ist das Ende dieses Kreuzszuges bekannt (der Film war allerdings schon davor geplant worden): fast in Echtzeit wird die Kommando-Aktion der Navy Seals zur Liquidierung Osama Bin Ladens eindrucksvoll inszeniert – eine zweifelhafte Erlösung, dessen Zeitpunkt titelgebend ist: “eine halbe Stunde nach Mitternacht”.
Wo Spielberg trotz allem die glorreiche Geschichte staatstragend bebildert, liefert Bigelow die unrühmliche, dreckige Realität des 21. Jahrhunderts. Beide Oscarpreisträger bauen mit ihren komplexen Hauptfiguren gekonnt eine spannende Dramaturgie auf – ein Loblied und ein Abgesang auf die amerikanische Demokratie.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 7.2.2013]

Januar 22, 2013

Lessons learned

Filed under: Grundsätzliches,politics,society — Marian W @ 18:56
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Ich bin ohne größere Emotionen mit dem Ergebnis der Volksbefragung einverstanden (zufrieden wäre zuviel gesagt) – die Gründe dafür im vorherigen post. Unbefriedigendes Motto dafür: Lieber stehenbleiben mit der Option auf Veränderung in fernerer Zukunft als ein vorschneller blinder Schritt in eine Richtung ohne zurück. Aber vorallem habe ich aus der Zivildienstpflicht-Debatte und den militärischen Scharmützeln drumherum einiges gelernt:

Medial habe ich gelernt, dass auch das Krone-Imperium nicht jede Kampagne für sich entscheiden kann. Ob diese Erkenntnis auch für Politiker Konsequenzen hat, mögen andere beurteilen, aber ohne die sicherlich plumpe Kampagne wirklich verfolgt zu haben, ist es doch eine gewisse Befriedigung.

Vielleicht bedeutet es auch, dass Populismus nicht immer gewinnt (bei aller Dummheit der Antwort auf diesen populistischen Vorstoß), zumindest nicht gegen das Trägheitsprinzip der öffentlichen Meinung. Vielleicht auch nicht. Mit diesem inhärenten Konservativismus (wertfrei!), besonders der Österreichischer, muss und kann man politisch rechnen. Ohne Anlass und praktische persönliche Erfahrungen lässt sich die Stimmung eben nicht so schnell umkippen. Das Bedürfnis nach “Change” muss erst herausgekitzelt und erzeugt werden. Die Menschen wollen von der Politik meistens eben doch eher in Ruhe gelassen werden.

Demokratie-politisch heißt das für mich, dass die Instrumente der direkten Demokratie nicht nur gelernt und geübt werden müssen (von allen Mitspielern), sondern auch, dass man damit besonders hierzulande nicht unbedingt progressive Veränderungen erwarten sollte. Selbst wenn man das lediglich als Trägheit und nicht als Dummheit der Mehrheit interpretiert, ist es doch ein Dämpfer für ähnliche “Grundsatzentscheidungen”. Man stelle sich ein Referendum und die vorherige Diskussion zum Schulsystem oder gar zur Gleichstellung von Partnerschaften oder ähnliche Grundrechts-Fragen vor. Keine sehr sonnige Zukunftsperspektive.

Parteipolitisch habe ich gelernt, dass das was gefühlsmäßig immer schon klar war, definitiv stimmt: Rot ist um keinen Deut besser als Schwarz – nicht nur bei Stendhal. In jeder Hinsicht und mindestens genauso populistisch. Da Rot die Sache aber so unvermittet aus taktischem Kalkül vom Zaun gebrochen hat, ist durchaus auch hier eine gewisse Schadenfreude dabei. Die ebenso plumpe schwarze Antwort war eben nur die Antwort.

Das auch Grün der Versuchung erliegt in einer solchen Sachfrage populistisch zu kampagnisieren anstatt einen dritten Weg vorzulegen und die Entscheidung freizustellen, ist i.m.h.o. nicht nur traurig, sondern auch taktisch irgendwie ungeschickt. Als Trittbrettfahrer der SPÖ ist kein Blumentopf zu gewinnen, soll heißen, keine Profilierung zu erzielen. Aber ich bin kein Parteistratege…

Dafür wurde wiedereinal klar, dass die FPÖ immer unrecht hat, selbst wenn sie vielleicht einmal Recht hätte, d.h. nicht diametral anders entscheidet. Selbst bei partieller Übereinstimmung, ist sie aus den falschen Gründen für oder gegen etwas (siehe der an sich gute Vorschlag zur Zusammenlegung aller Krankenkassen).

Was mich aber besonders freut, sind die Motive der Mehrheit für die Entscheidung. Manche mögen bekritteln, dass es in der Befragung nicht um Zivildienst und soziale Fragen ging (was schlichtweg nicht stimmt, schließlich war es ein gleichwertiger Teil der beiden ausformulierten Möglichkeiten am Stimmzettel). Es wird, auch wenn es eine sogennante “Grundsatzentscheidung” ist, immer über die praktischen Konsequenzen und Auswirkungen abgestimmt, das ist Politik – alles andere Theorie. Aber positiv gesehen bedeutet es i.m.o., dass den Österreichern das Militärische zurecht mehr oder weniger egal ist und letztlich die sozialen Fragen den Ausschlag geben. Darüber sollte man wirklich nicht jammern.

Damit hängt auch der Trugschluss zusammen, dass der militärische Teil der Alternative irgendwie in Richtung Pazifismus oder einer waffenlosen Gesellschaft/Politik gegangen wäre. Man könnte genauso gut in die gegenteilige Richtung argumentieren (siehe der einzige mir bekannte grüne Ausreißer Mesut Onay). Die Abschaffung irgendeines Heeres stand bei Gott nicht zur Wahl und nicht einmal zur Debatte. Und sie ist, ohne EU-Armee, weder politisch denkbar noch patriotisch mehrheitsfähig – so wünschenswert diese Utopie vielleicht im Großen und Ganzen wäre. Seien wir zufrieden, dass das Militär nur 0,6% kostet – alles andere ist im Österreich der Gegenwart hypothetisch und mäßig wichtig.

Es ist aber interessant, dass “Pazifisten” ihre Entscheidung lieber für/gegen das eine oder andere Militärsystem treffen anstatt die großen nicht-militärischen, gesellschaftlichen Implikationen zur Grundlage ihrer Entscheidung zu machen.

Ich habe gelernt, dass politische Menschen, die sich wohl selbst als Linke bezeichnen, den (persönlichen) Liberalismus für sich entdecken und (solidarische) Verpflichtungen innerhalb eines Staatswesens für nicht tragbar halten (beides als wertfreie Begriffe). Als ob – das nur nochmal zur Sache – 9 Monate Lebensarbeitszeit (bei ca. 40, max. 55 Wochenstunden im Zivildienst) so unglaublich wertvoll und die scheinbar freie Entscheidung für eine ~40 Stunden Tätigkeit vorher und nachher so absolut gegeben wären. Es zeigt, dass manche Leute wenig Gefühl haben für die Zwänge in die einfachere Menschen ihr ganzes Leben ganz selbstverständlich eingebunden sind. Die existentiell-biografische Frage wurde hier – à la “befreit die jungen Männer” – schon sehr naiv und sehr einseitig in die Diskussion eingebracht.

Interessant ist, ob die im Endspurt sehr plump ins Spiel gebrachte Geschlechterfrage und die Legitimität dieser Ungleichheit der Verpflichtung noch eine Rolle spielen wird. Diese Debatte möchte ich gern erleben, allein schon als Unterhaltung.

Bleibt zu hoffen, dass der Ruf nach Angleichung auf 6 Monate nicht verstummt! Aber es wird wohl auch diese Detailfrage vom Trägheitsprinzip entschieden werden. Im Gegensatz zur großen Frage nach Verpflichtung oder nicht, ist das jedoch schade. Den diese Gleicheit wäre die beste Chance, dass das Heer in Zukunft eine große Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr betrifft, weil sich der 36% Zivildieneranteil dann wohl gehörig erhöhen würden. Der Rest – die Zivildienst-Verweigerer – verdienen, wie schon gesagt, kein Mitleid.

Disclaimer: Das offizielle Tiroler und Innsbrucker Rote Kreuz hat in der Debatte keine sehr rühmliche Rolle gespielt und sich entgegen seines Neutralitärs-Grundsatzes allzu deutlich auf eine politische Seite geschlagen. Damit habe nicht nur ich ein Problem und ich habe mich trotz und nicht wegen dieser unsauberen Allianz so entschieden.

Januar 10, 2013

Wehrpflicht? Zivildienstpflicht!

Filed under: Grundsätzliches,politics,society — Marian W @ 23:56
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…über Solidarität & Erfahrung

Nach langem Zögern nun doch noch ein Blogpost zur Volksbefragung in 10 Tagen. Nicht als direkte Antwort auf die vielen statements, sondern als meines. War & ist auf jeden Fall ein nettes Thema für spannende Diskussionen, im web und im real life. Hier einige zentrale persönliche Argumente in dieser zumindest potentiell sachlichen Diskussion mit ihren vielen unabhängigen Ebenen und Zugängen. Freu mich über Kommentare (und einen besseren Titel ^^).

 

Das ganze läuft unter dem Titel “Wehrpflicht-Debatte”. Gleich vorweg: Ich führe wenn dann eine Debatte über die Zivildienstpflicht. Wieso? Weil mich die Wehrpflicht auf einer persönlichen Ebene nichts angeht. Um es plakativ zu sagen: Jeder der sich für das Heer entscheidet ist vollundganz selbst schuld bzw. verantwortlich und verdient kein Mitleid und ist deshalb auch kein Argument in einer Diskussion, die den mündigen Bürger als Grundlage annimmt. Das klingt hart, aber diese biografische Entscheidung ist die erste große Entscheidung im Leben eines jeden (männlichen) Staatsbürgers wenn er volljährig wird. Wer sich bewusst für die Sinnlosigkeit entscheidet, an den verschwende ich keinen Gedanken. Soviel individuelle Freiheit=Verantwortlichkeit gestehe ich jedem zu und ich sehe keinen Grund, warum ich jemanden vor dem Wehrdienst bewahren sollte.
Das Heer ist also auf der individuellen Ebene irrelevant; einzig staats- & sicherheitspolitisch kann man darüber diskutieren. Stichwort Demokratisierung des Militärs durch einen breiten Bevölkerungsquerschnitt, etc.. Das Argument ist für mich in der Gegenwart aber nicht sonderlich schwerwiegend. Sicherheitspolitisch ist die Notwendigkeit von Präsenzdienern mit EU und in Zeiten moderner Kriege eine rein hypothetische, unnötige Diskussion; im Ausland sind so oder so nur Berufssoldaten (und evtl. -innen). Budget-mäßig springt je nach Einschätzung nicht viel herum. Katastrophenschutz besser durch Feuerwehr/THW.
Soviel zum Militär, das für meine Entscheidung so gut wie keine Rolle spielt.

Jetzt also zum Zivildienst, als dem eigentlichen Thema. Es wird immer über die verlorene Zeit beim Heer geschimpft. Das gleiche Argument gilt in umgekehrtem Maße für den Zivilidienst. Ich habe mich für den Zivildienst entschieden (what else!?) und ihn als Sanitäter im Rettungsdienst des Roten Kreuzes absolviert. Für mich kann ich zweifelsfrei sagen, dass es wichtige 9 Monate waren. Lehrreich, herrausfordernd, interessant. Nicht nur im Rückblick, sogar währenddessen. Auf jeden Fall für mich und meine Biografie ganz und gar unverzichtbar, nicht nur als Unterbrechung und Brücke zur Uni.
Vor kurzem hat mir jemand von den Anfängen des Zivildienstes in Österreich berichtet, also man noch unvorstellbare Schikanen und Demütigungen über sich ergehen lassen musste um der Sinnlosigkeit zu entgehen. Ich musste einfach das passende Formular abschicken und erledigt. Schon lange ist es keine Gewissens- sondern eine pure Vernunft-Entscheidung. Sogar die Polizei nimmt nun erfreulicherweise ehemalige Zivildiener auf. Und jetzt, da wir endlich soweit sind, dass ein Zivi in der Gesellschaft gleich viel oder mehr gilt als ein Zivildienstverweigerer – sogar am Land, sogar in Tirol – schaffen wir ihn ab, anstatt diese pazifistische Entwicklung noch weiter zu treiben. Nur weil wir die unwichtige Schein-Frage Berufsarmee oder Berufsarmee + einige selbst-verschuldete Wehrpflichtige wichtiger finden und diese Völkerrechtliche Verknüpfung der Pflichten in Folge einfach in Kauf nehmen?

Nun geht der wichtigste Einwand so: das ist alles schön und gut, aber das geht doch auch freiwillig, in welcher konkreten Form auch immer. Es gibt doch auch viele freiwillige Sanitäter & -innen oder soziale ArbeiterInnen. Stimmt. Vollkommen richtig. Und das ist sicher das beste Gegenargument. Aber mich überzeugt es nicht. Zwang ist nur ein anderes Wort für Verpflichtung. Es obliegt dem Liberalismus-Verständnis eines jeden, Verpflichtungen innerhalb eines Staatswesens in Frage zu stellen (ich habe einmal einen Vortrag eines Etatismus-kritischen Philosophen gehört, der Gesellschaft nur mittels privatrechtlicher Verträge geregeln sehen wollte. Sicherheit & Strafrecht, Bildung, Arbeit, alles). Im übrigen ein Angelpunkt jeder transatantischen Politik-Diskussion). Restriktionen des Waffenkaufs, (höhere) Steuern für’s Gemeinwesen, eine verpflichtende Krankenversicherung? Selbstverständlich! Aber eine Verpflichtung zu einem Jahr Dienst (bzw. 9 Monate LebensArbeitsZeit)!? Interessant zu beobachten, wie sich hier linke und rechte Ideologien & Prinzipien verkehren. Gemeinwesen & Solidaritätskonzepte verlieren gegen individuelle Freiheit.

Die positiven Erfahrungen des Zivildienstes für alle (reich oder arm) sind nicht mit dem freiwilligen sozialen Jahr für wenige Engagierte vom Tisch zu wischen. Ich persönlich hätte diese Erfahrungen ohne Verpflichtung dazu sicher nie gemacht – und das gehört zur Basis meiner verallgemeinernden Entscheidung. Vielleicht wäre ich in der Zeit ins Ausland gegangen, wäre durch die (Dritte) Welt getrampt oder ähnliches. Das hätte mich sicher auch biografisch positiv geprägt (und mir tut es leid, dass ich das bisher immer noch nicht gemacht habe). Aber es geht um etwas anderes: Es geht darum, dass man etwas macht, das einem nicht naheliegt. Auf das man in den 18 Lebensjahren zuvor nicht hinsozialisiert worden ist. Eine Gegenerfahrung, die besonders jeden gut tut, die aus einer sog. höheren Gesellschaftsschicht kommen. Gerade jene, die es nötig haben, werden es ohne Verpflichtung nicht machen. Da inkludiere ich mich selbst durchaus. Gerade jene, die wie ich, aus guten, behüteten, geregelten, erfahrungsarmen Verhältnissen kommen, profitieren vom unmittelbaren Kontakt, von der Erfahrung mit Armut, mit Obdachlosen, mit alten Menschen, mit Krankheit und Tod – mit existentiellen Realitäten. Wenn man als 18-Jähriger einmal jemanden erfolglos (oder erfolgreich!) wiederbelebt hat oder – eine ebenso existentielle Erfahrung – bei einer Geburt dabei war, hat man vielleicht mehr über “das Leben” gelernt als in Jahren institutionalisierter universitärer Bildung, die danach allzu dominant sowieso noch kommt. Man relativiert später vieles, oder zumindest manches ein bisschen. Das ist kein Gemeinplatz, für mich stimmt es. Wenn man einmal in einer völlig verwahrlosten Wohnung war oder bei einem schweren Autounfall, vergisst man das nicht so leicht wieder und behält es ein Leben lang. Das ist keine Idealisierung, das heißt nicht, dass es immer angenehm und interessant ist. Natürlich ist der Alltag im Zivildienst im Einzelnen keine existentielle Erfahrung. Natürlich besteht er aus viel Routine, aus Langeweile, aus stupiden Tätigkeiten im Rahmen eines mitunter auch nicht unautoritären Rahmens von Gehorsam und Pflichtkonzepten (auch wenn man nicht zum blinden Befehlsempfänger mutiert). Die Strukturen, im Rotes Kreuz und anderswo, sind teilweise wenig fortschrittlich. Es gibt auch dort etwa Rassismus oder Homophobie mit dem man umgehen muss (die man aber auch in ihrer real existierenden primitiven Form erlebt haben muss).

Der Zivildienst wird auch immer, sehr charmant, auf das “Arsch abwischen” im Altenheim reduziert, auf die Hilfsarbeiter-Tätigkeiten im sozialen Bereich, die nur Sklaven erledigen. Natürlich geht es auch irgendwie ohne diese Gratisarbeiter, das Sozialwesen wird nicht zusammenbrechen (das Rote Kreuz in Tirol etwa hat die Abgeltung durch den Wegfall der Zivis angeblich bereits vertraglich abgesichert). Aber den Zivildienst deswegen als unmenschliche Ausbeutung abzustempeln, läuft ins Leere. Das Geld ist ein Nebenschauplatz, der mit dem Wesentlichen der Erfahrung nichts zu tun hat. Ich kenne viele, die in 9 Monaten Zivildienst einiges an Geld angespart haben, weil es ihr erster selbst verdienter Lohn war. Ob er nun zu niedrig ist oder nicht, sei dahingestellt. Aber wenn es ein soziales Jahr für’s Allgemeinwohl sein soll, darf es nicht um ein Einkommen gehen, das vergleichbar ist mit einer gewöhnlichen Arbeit. Es muss zum Auskommen reichen und sozial gestaffelt ein Mindesmaß an Absicherung bieten. Das reicht.
Freiwillig nimmt diesen Verzicht nur eine Minderheit in Kauf und zumindest im Rückblick kann ich ohne falsche Nostalgie behaupten, dass auch die Erfahrung einer 55-Stunden-Woche mehr oder weniger körperlicher Arbeit für einen 300-Euro-Lohn eine Erfahrung ist, die ich nicht missen möchte. Jetz weiß ich, wieso sich Menschen am Abend nicht mehr mit Geistigem, mit Politik und ähnlich-ephemeren Dingen beschäftigen wollen, nach einer 12-Stunden-Schicht. 5 Tage 7-19 Uhr Dienst und ich begreife einiges. Etwa woraus die Dummheit eines FPÖ-Wählers auch ihren Nährboden beziehen kann. Ich kann besser nachvollziehen (!), wie sojemand tickt. Wie das Leben von unten aussieht, um’s mit etwas politischem Pathos zu formulieren.
“Es hat noch keinem geschadet”, heißt es immer und diese achtlos dahingesagte (und auf das Militär bezogen schlicht dumme) Alte-Leute-Floskel erweist sich – zumindest für mich und das was ich erlebt habe – schlicht als richtig. Ich wünsche es jedem. Und ich will, als Staatsbürger, sogar, dass jeder solche oder ähnliche Erfahrungen im Sozialbereich macht. Und folglich auch muss.

Anschließend ist es auch die Schmelztiegel-Funktion des Zivildienstes, nicht nur in enger kultureller Hinsicht, die für mich einen Wert darstellt, der meiner Meinung nach unterschätzt wird. Etwas, das für alle Pflicht ist, wird zur kollektiven Erfahrung – nicht nur individuell als Übergangsritual zum Erwachsenenleben, sondern auch allgemein gesellschaftlich als kohäsive Kraft. Ohne in einen falschen Kulturpessimismus zu verfallen: Es gibt gegenwärtig nur mehr wenig, das gesellschaftlich verbindet, vertikal und zwischen den verschiedensten Gruppen. Mir fällt keine andere gesamtgesellschaftliche kollektive Erfahrung ein. Politik jedenfalls nicht (mehr), der ORF (FS 1&2) – sprich die Medien – auch nicht mehr. Und auch in anderen Bereichen differenzieren sich die Staatsbürger so stark in abgekapselte Interessensgruppen aus, dass es bestimmte Gesellschaften fast schon zerreißt (siehe USA), weil sich die Leute nicht mehr begegnen können, weil sie nichts mehr eint außer dem Symbolischen. Niemand weiß, wie die jeweils anderen leben, wie sie denken. Die Elite hat keinen Kontakt zum unteren Ende und umgekehrt. Solidarität lässt sich letzten Endes nicht ohne Erfahrungen rein intellektuell begreifen und erzeugen, schon gar nicht in der Masse. Solidarität ist Erfahrung (die mir, trotz Zivildienst, allzuoft abgeht). All das sind grobe Binsenweisheiten über gesellschaftliche Entwicklungen, unter bestimmten Gesichtspunkten problematisch, aber wohl unaufhaltbar. Das führt hier zu weit, in eine größere Diskussion hinein. Und klar: es ist eine Illusion, von einem 9-monatigen Lebenszeitraum zu verlangen, dagegen ein wirksames Rezept zu bieten. Aber trotzdem: Ich weiß seit meinem Zivildienst besser Bescheid über die Gesellschaft in der ich lebe (aus Erfahrung, nicht aus Wissen), ich kann nicht mehr sagen, ich wüsste nicht, wie es jenen geht, die immer so schön “Mitbürger” genannt werden.

Sicher, es ist unendlich schade, dass die konservative Position in diesem politischen Spiel eine rein konservierende ist – dass alles so bleibt, wie es ist, wenn es nicht wegkommt – mit allen Mängeln, anstatt eines Umbaus des Staatsdienstes, einer Aufwertung und Bevorzugung des (verpflichtenden) zivilen Dienstes. Hopp oder top, und ganz sicher kein zurück mehr! Schade, dass es keinen Mut gibt, die gesellschaftlich-integrative Kraft eines für alle verbindlichen sozialen Dienstes zu stärken, zu erweitern. Schade, dass sich keine politische Gruppierung gefunden hat, die mehr bietet als die taktische Befriedigung der vermuteten Meinung der eigenen Wähler und die sich dem populistischen Entweder-Oder der großkoalitionären Klemme widersetzt. Wohl auch politik-strategisch eine vertane Chance zur Profilierung mit einem ‘dritten Weg’.
Schade auch, dass es eine Geschlechter-Ungleichheit gibt, die als billiges Argument missbraucht und als Kompensation für andere, größere Ungleichheiten legitimiert wird – eine nicht uninteressante Nebendebatte!

Aber genug. Kurzum: Ich glaube einfach, dass es der Gesellschaft, zumindest ein wenig gut tut, wenn jeder ein solches “Erfahrungsjahr” in den Rest seines Lebens mitnimmt (auch wenn diese Entscheidung einen unangenehm-konservativen Anschein & bitteren Geschmack hat). Das ist mir, bei aller Relativität  in der Praxis, Argument genug.

Mai 9, 2011

To Display the Dead

Probably this is the thousandth article about what happened last sunday. But for once I decided to join in on the play of thoughts and write some myself. Would love to hear yours about this in the comments below.
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By now, we’ve already heard extensive reports about how exactly the operation was carried out, what intelligence efforts led Obama and his military there and what might be possible consequences. I won’t waste a lot of words about all this, just check out the links if you want to get deeper.
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It’s clear that Bin Laden’s killing marked an important point for the US respectively for Obama – if not in the real struggle against terrorism, at least in the domestic opinion war before next year’s elections.
As an US administration official said in a press briefing the day after, it was „America’s most vexing intelligence problem, where to find bin Laden.“ And it’s undoubtedly true when he proudly continues „Since 9/11, this is what the American people have expected of us, and today, in this critical operation, we were able to finally deliver.
Of course one can – and has to – ask if this really was what in the same news conference was called „a surgical raid“ to „decapitat[e] the head of the snake known as al Qaeda.“ respectively what that’s supposed to mean in a less biased evaluation of the detached political reality and ‚on the ground‘.
But it’s unquestionable that this means some kind of victory for the USA. And Obama certainly did this with good timing, as an op-ed on Al-Jazeera wittingly remarks: „the killing of Osama was a secret the Obama administration did well to hide from the world till after Will and Kate’s wedding in Britain.
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Also, I don’t want to go into the legality issue of the killing that is discussed by legal experts and moral amateurs everywhere and which untimately leads to all the broader questions of the geo-political uni-lateral policies of the USA’s Global War on Terror (a typical Bush-phrase which Obama is prudent enough not to use anymore; his understated label is the technical ‚Overseas Contingency Operation‚).
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Compared to these issues, the thing that struck my attantion and interests me in this posting, may seem to be (or is) a rather small detail: It’s the allegedly existing post-mortem photo of Osama Bin Laden*)
* in the following shortened & mystified to OBL, also to avoid [the notorious confusion between Osama & Obama^^]

Obama's Situation Room

Live Stream in Obama's Situation Room - Quelle: dpa

Show the World that he is dead

It seems the reporters just assumed that there have to be photos when they asked if the administration will realease any: „I’m wondering where you are at this point on the idea of releasing photos of bin Laden to show the world that he is dead.“ and then trying again: „Is there some thought, though, that releasing a photo or two might avoid conspiracy theories throughout the Muslim world?
Maybe it was already mentioned in some initial official statement, but there surely is the assumption that there can’t be an event like this without images.
Supposedly the practical need to take photos was the identification: The photos were probably sent to some analysis center in Langley to compare them with the Osama family photos from when he was still „walking on this earth“ as Obama put it.
To cut the long story about the probing questions by journalists concerning the release of the photo(s) short, in the meantime President Obama himself has announced his decision not to make the photos available to the public in an interview with CBS, cunningly playing it both as a security and a dignity issue.
Question:  Did you see the pictures?
The President:  Yes.
Question:  What was your reaction when you saw them?
The President:  It was him.
Question:  Why didn’t you release them?
The President:  We discussed this internally.  Keep in mind that we are absolutely certain that this was him.  We’ve done DNA sampling and testing and so there is no doubt that we killed Osama bin Laden.  It is important for us to make sure that very graphic photos of somebody who was shot in the head are not floating around as an incitement to additional violence or as a propaganda tool.  That’s not who we are.  We don’t trot out this stuff as trophies.
The fact of the matter is this was somebody who was deserving of the justice that he received, and I think Americans and people around the world are glad that he is gone.  But we don’t need to spike the football.  And I think that given the graphic nature of these photos, it would create some national security risk — and I’ve discussed this with Bob Gates and Hillary Clinton and my intelligence teams, and they all agree.
[…]
The truth is that we were monitoring worldwide reaction.  There is no doubt that bin Laden is dead.  Certainly there is no doubt among al Qaeda members that he is dead.  And so we don’t think that a photograph in and of itself is going to make any difference.  There are going to be some folks who deny it.  The fact of the matter is you will not see bin Laden walking on this Earth again.“
Obama’s press secretary then said „his decision is categorical„. Of course we should probably doubt the categorical nature of government secrets in the age of WikiLeaks. According to Julien Assange’s political philosophy, everything a government wants to keep secret, should be publicised. But then again, we can ask ourselves if the photo – or the photos – are really a secret, or just a confidential document whose content is already known. Maybe some time in the near or distant future, we will actually see the image. If this happens, I’m sure it’s only half as interesting as we now think it is. Of course, given the current uproar about it, it will be presented by the media with much hoopla.

♦ 1) Scepticism ♦

So one initial reason the journalists respectively the public wanted – and want – to see the photo is the scepticism about OBL’s death. They demand the photo as a proof and as long as they don’t see it, they don’t (fully) believe. The public says: ‚We know that there is a photo (they said so right?), so we want to see it. (After all it’s impossible that there is no photo.) Otherwise we don’t accept it as real‚ So it seems some people don’t believe the story, but they believe the story about the photo, and want to see it to be able to believe the whole story… tricky.

But as Obama already said, some people would deny the validity of any proof (just as they’re still debating their president’s birth certificate.) The appearance of faked photos (reappearance of old ones) shows that we have long passed the time when a photo was considered „not an argument [but] simply a crude statement of fact addressed to the eye„, as Virginia Woolf once claimed. We slowly beginn to accept the photoshopped reality as a basis for our handling of visual media.
Meanwhile, you should fight your urges to get your eyes on the pic: According to Al-Jazeera Englishthe FBI has warned computer users against clicking on links in unsolicited emails purporting to show photographs or video of the killing of Osama bin Laden. The Bureau says the links may contain viruses that can steal personal identification information or infect a computer.
Of course one can dismiss all these manifestations of scepticism as obsolete, since Al-Qaidah already confirmed OBL’s death in an online posting. So when ‚the opposite side‘ acknowledges the fact / the story, the photographic ‚proof‘ has become unnecessary.
But in fact, after all the discussions about its publication, we already know what we would see:
„Why would you not release a photograph of bin Laden?“
„MR. CARNEY:  Well, to be candid, there are sensitivities here in terms of the appropriateness of releasing photographs of Osama bin Laden in the aftermath of this firefight, and we’re making an evaluation about the need to do that because of the sensitivities involved.  And we review this information and make this decision with the same calculation as we do so many things, which is what we’re trying to accomplish and does it serve or in any way harm our interests.  And that is not just domestic, but globally.“
Q    Can you explain sensitivities?  Because it’s a gruesome photograph, that that —
MR. CARNEY:  It’s fair to say that it’s a gruesome photograph.
Q    That it could be inflammatory?  That’s the sensitivity you’re —
MR. CARNEY:  It is certainly possible that — and this is an issue that we are taking into consideration, is that it could be inflammatory.
Q    Jay, have you seen it?
MR. CARNEY:  I’m not going to get into who and where — who’s seen the photographs or where they are.
We can imagine what that photo looks like quite well taking all the gruesome pictures we have in our storehouse of images of violence and war and combining them.
But we want ‚the real one‘. Why?

2) Our Visual Hunger & Thirst

Why is our hunger for images – „soif d’images“ as the French photographer Willy Ronis called it – so insatiable?
In the meantime, the US administration made some moving images available, both from the operation and from OBL’s homevideo shelf, to satisfy the media and keep the story going. Upon the first look, I would say they help demystify him without using the gruesome photo(s) of his death but through his own video recordings – with one difference: OBL has been silenced / deprived of his voice.
Apparently there are already mods for egoshooter games out there, simulating the Navy SEALs mission on the basis of the official narrative and video the US government has provided. In these adaptations the mission target is of course clearer than in the official reality: ‚Kill Osama‚.
The narrative of the operation we were presented is the perfect example for what Susan Sontag calls teleintimacy: Supposedly Obama and his team were following the mission live from the White House Situation Room as can be seen on a much published photo. (The US government could also have sold the rights for a live TV broadcast last sunday to the highest bider in order to get some money and reduce its deficit).
The whole story about the photo is in fact nothing new:
  • There’s a photo of the dead Bismarck for which the photographers went as far as bribing their way into the dead’s bedroom and for which they were sentenced to jail. The photo was only published after World War 2.
  • In 1945 the strong demand for a photo showing the defeated Hitler was met by the Sowjets who presented a visual proof of his dead body, allegedly taken by a German officer before the corpse was burned. It’s considered to be a fake shot of a Hitler look-alike though.

3) ‚Equality in Dignity and Rights‘ ♦

In most (critical) comments about the issue the key term is DIGNITY. The debate about the theoretically universal concept of dignity also applies to ‚well-known and long-condemned ‚mass murderers‘, as Bin Laden is mostly called.
Those who argue on a moral basis find that (even?) OBL has still dignity as a dead human being, or that at least he regained his dignity now he is dead. Ethically, I have to agree here. Even though the OBL we & the world knew never really was a human being – until last sunday when he retired as a ‚person of public interest‘. He was more than that or something else: We saw him as the mysthical video celebrity he stylised himself as. He was an artificial figure, an actor playing his part: our dear personalisation of evil. Or as Robert Misik puts it in his obituary: „the first iconographic figure of the new millenium.“ [read the very interesting text in German here]

♦ Thanatography ♦

In a way, a photo always shows death. „Ever since cameras were invented in 1839, photography has kept company with death.“ Sontag Sontag says in her last book from 2003. The memento mori is at the core of what photography is. Photography is Thantography.
But when this is taken litterally, when we really see death in a close-up, it’s too much. It breaks the chain of reference, for once the photo is what it shows: The absence of life (time). It seems that is almost a pictural sacrilege.
Photos of ‚the dead and the dying‘ – to „seize the death in making(Sontag 2003:21) – have always been the most shocking pictures: be it the photos the Khmer Rouge took of prisoners moments before their exection or the famous „shot“ of the South-Vietnamese general executing a Vietkong suspect in a street of Saigon, specially staged for the photo-journalists, showing us the exact moment of death when the bullet hits the head, just as Capa’s much disputed falling „Republican soldier„. Or ‚just‘ some nameless African famine victim we could see in the newspaper so often if we cared (Susan Sontag calls it the „succession of unforgettable photographs of large-eyed victims„). Photographic death has been used and reused in various conflicts as a moral incitement, sometimes with the same photo by both sides (e.g. in the Spanish Civil War or the most recent European war in the Balkans)
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The Real Post-Mortem Photo of Osama

The Real Post-Mortem Photo of Osama

With OBL it’s of course a bit different. Contrary to other photos of ‚the dead and dying‘, one can’t argue they are necessary or at least helpful to convince people of the existance of suffering and to do something about it (an argument that is anything but convincing as Sontag debates through 117 pages). There’s nobody to be convinced about OBL’s moral status, no attention to be created and surely no empathy. The only theme this photo has, is defeat, taken by the victorious just like a trophy. Here Susan Sontag’s analogie between shooting a photo and shooting with a gun becomes evident. In her essays ‚On Photography‚ from the 1970ies she even describes the hunt for pictures as a substitute for the real one (instead of killing safaris there are now photo safaris where you shoot the wildlife with you tele). In war one shooting is constantly following the other, tracking his trail of blood. And it’s only secondary if there’s a critical intention involved, as most war photographers would claim since the Vietnam war.
In ‚Reagarding the Pain of Others‘ there’s the example of a headline photo triptych in the NY times from november 2001:
It „depicted the fate of a wounded Taliban soldier in uniform who had been found in a ditch by Northern Alliance soldiers advancing towards Kabul. First panel: being dragged on his back by two of his captors […] Second panel (the camera is very near): surrounded, gazing up in terror as he is being pulled to his feet. Third panel: at the moment of death, supine with arms outstreched and knees bent, naked and bloodied from the waist down, being finished off by the military mob that has gathered to butcher him.(Sontag 2003:12/65)
Everyone of us knows the morbid delight we (unwillingly?) take in ‚Regarding the pain of Others‘, as the title of Sontag’s great book goes. There she also says that in the end it’s not the moral issue of Dignity that decides about whether a picture is shown or not, it’s the distance between the spectatorship and the person on the photo, the potential for empathy.
She tells us about what one could call the ‚colonial gaze‘: as long the person portrayed, alive or dead, is far away somewhere in the periphery of ‚the world‘, we seem not to care much about the dignity and the rights of this ‚human being‘, at least concerning photos: „The more remote or exotic the place, the more likely we are to have full frontal views of the dead and dying.“ (Sontag 2003:63)
But if the disaster happens somewhere close, we will have a hard time finding photos of dead people in many cases, and certaily not one identifying the person.
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Susan Sontag remdinds us of the almost unanimous consensus not to show any victims in the photos of the 9/11 aftermath. Can you remember any? Even an anonymous body without the face? No? That’s because there is none (at least not in my personal collective memory). The two notable exceptions are the ‚Falling Man‘ and the photo of a severed hand in the ruins (by Todd Maisel). Both were anonymous of course. And both were regarded as something extraordinary and in the second case denounced as inappropriate. „This novel insistence on good taste„, as Sontag calls it, „may be puzzling. But it makes sense if understood as obscuring a host of concerns and anxieties about public order and public morale.“ And she continues „With our dead, there has always been a powerful interdiction against showing the naked face. […] This is a dignity not thought necessary to accord to others.“ (Sontag 2003:63f)
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And using Susan Sontag once more in relation to our discussion of the unknown photo of OBL, we can also draw a parallel with the notorious photos from the Bagdad Abu Ghraib prison which she discussed shorty before her death in 2004 in an NYtimes essay [Reagarding the Torture of Others LINK]. There she reminds us that photography played a key role in the torture and in fact was used as a method of humiliation. The pictures the soldiers took, posing together with their victims as a souvenir, some of which we know too well, were the reason the whole story became a story and a scandal at all.
If the photo of Osama was published, we couldn’t help but place it in the same category of humiliation. Because in the end the iconography usually overrides the abstract knowledge; „a photograph has the deeper bite“ it is „like a quotation, or a maxim or proverb.“ (Sontag 2003: 19)

4) ♦ Moral Issues Aside ♦

These moral issues aside, we can finally ask which interests are involved in showing / not showing this photo. Or as Obama’s press secretary put it: „And then you have to take a look at it from the standpoint of what are the upsides and downsides.
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For Obama the upsides are not really big: what counts PR-wise, is the fact, i.e. the credible story, that he hunted down enemy no 1. This narrative doesn’t need the images, it stands for itself almost as good with words as with images, because it’s a heroic action story, concrete with lots of details in the style of any good one-man army movie from Hollywood. I would argue that in this case the lack of images combined with the unsatisfied demand for them worked even better.
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On the negative side, there are not only the incitement amongst Muslims / in the Arab World – a fear that is not unfounded even if one has to acknowledge that OBL was anything but popular among the majority of Muslims. But with this image, the narrative of the justified (albeit not entirely legitimate) retaliation the US wants to put out there is likely to topple. Then it becomes the well-known and unfortunately well-founded story of the USA as self-proclaimed ‚globocop‘ exercising its power in the Rambo style, denounced as „neo-imperialism“ since the Cold War. I think it’s save to say that it is, for a variety of reasons, one of Obama’s global interests to challenge this narrative of the USA as the Chuck Norris of World Politics (unlike his predecessor). Although it’s no secret that the practical implementation of this policy had led to the rise the terrorist OBL in the first place [as very well explained here by American Professor Juan Cole], this is probably not the direction Obama wants to go (this is of course open for debate) and certainly not the spin he wants to present. His message here is „to display the dead, after all, is what the enemy does.“ (Sontag 2003:57).

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source: Reuters.com/Stringer

Obviously there are some hardliners who think and twitter differently:
@SarahPalinUSA: „Show photo as warning to others seeking America’s destruction. No pussy-footing around, no politicking, no drama;it’s part of the mission“.
But even Republican House Intelligence Committee Chairman Mike Rogers went as far as applying empathy sayingImagine how the American people would react if Al Qaeda killed one of our troops or military leaders, and put photos of the body on the Internet.
Obama clearly stated that „We don’t trot out this stuff as trophies […] this is not who we are.
At least the message is right. That’s already something, isn’t it?
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Al-Qaida on the other hand probably would have a little bit of a problem handling the ambivalent message of defeat and victimisation such a photo would inevitably convey. They will declare OBL a martyr using a long tradition of religious narratives about suffering and death. And to a handful of people (including OBL himself maybe) this death is probably worth more than a silent passing away [see the Al-Jazeera op-ed „Osama’s death ‚a good career move‘?„] – but the image doesn’t change anything about that and given the supposedly bloody look it’s probably not a very good icon to worship. So I guess they’re fine if Obama keeps it hidden.
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Remains to debate the public’s interest, whoever ‚the public‘ is and which: Some journalists tried to invoke the hypothetical question if the families of the 9/11 victims – who apparently enjoy a rather sacred position in the US – have a right to see the image. In plain words that means if they should be allowed to savour the bittersweet taste of vengeance projected onto and simplified by the gruesome image of a man shot in the head. I doubt this is what helps the memory and dignity of their lost relatives. And I also doubt that the majority of them is that blood-thirsty (after all they don’t come from the Bible belt but from New York, one could argue).
Justice has been done‚ and proclaimed by Obama – in New York he saidour commitment to making sure that justice is done is something that transcended politics„. I’m not sure it’s such a godd thing to transcend politics, but that’s what narratives, photographic or not do: they „dismiss politics“ as Sontag puts it.
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For the Amicans this is a matter of hurt national collective feelings and we can just hope that the indignation America’s Pride received on 9/11 can be repaired and satisfied by such a symbolic act of revenge and that as a collective, voting a president next year, they can now refrain from a We-against-Islam policy.
Globally, the story of OBL’s death comes at a time when the more or less peaceful alternative to his strategy and his goals became all of a sudden not only possible, but successful. This, again, has and is been discussed elsewhere in extenso and by far more professional people and it has nothing to do with this posting’s topic. So I’ll just stop here and switch back to the spectator’s role, leaning back in the media’s armchair. Let’s see what the next decade brings – for OBL’s death together with the Arab Spring really is a nice world-historical bracket: from 9/11 to May the 1st, from New York to Abbottabad and probably from Black&White to Color.
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And concerning the photo:
Maybe it’s better OBL’s end stays in the non-visual dark.
Maybe it’s better we don’t see everything.
Maybe this gives us the chance to think and understand instead of watching.
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Michael Appleton for the NY times - for more about the photo click it

Michael Appleton for the NY times - for more about the photo click it

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August 22, 2010

Constituitive Gaps – Alpbach, days 1-3

Alpbach, 22. August 2010

[ 1st ]

Today in the morning  the European Forum Alpbach 2010 was officially opened – with all due und undue pompous traditionalism (something I don’t wanna report here). ‚Official‘ means that the politicians were there doing their job of representation, while actually the Forum had already begun on Thursday evening respectively Friday morning. Today is already the third day of the seminar week, the academic core of this economico-political festival of importance celebrations.

This year’s motto is ‚CONSTRUCTION & REALITY‚ (or ‚ENTWURF & WIRKLICHKEIT).
The frameset of a politician is a Reality of Construction, a work reality of dealing with the Reality by designing another. The constant fruitless attempt to fill the gap between Construction and Reality.
This gap is constituitive for human interaction in society and with the world as a whole, I have been told. Probably in one of the seminars like the one on the Neuro-Philosophy of Consciousness. The so-called ‚phenomenal self‚ we construct as a reality is a useful dillusion evolution has come up with. There is no such thing as self. Nobody really has a self, the analytical philosopher tells us and I follow him through his logical trip through the layers of our brains. It’s fancy logic, this scientific exploring of the human species. It’s quite entertaining to listen to the phantastical stories about out of body experiences or rare brain disorders altering who people are altogether (stories about men who lost the ability to see colors or  the sense of owning their own body or woman having the feeling that they’re in control of everything that sourrounds them, even the sun movement and the traffic).
But the theoretical explainatory constructions about how even the ’normal‘ brain constructs its illusion of selfhood and mineness that are so basic to my species‘ reality have nothing to do with me (even if there isn’t such a thing as „me“…). This knowledge is too basic, too deep, too abstract to connect with.
Of course this other gap between construction and reality, the gap of academia and life is also constituitive: for science as a profession, for the nice lifes of all those professors, for academic careers in this secular religion of rationality.

[ 2nd ]

Already on the eve of the opening day, a great battle took place in Alpbach. A rhetoric battle between the already mentioned neuro-philosopher fighting for science and a psychologist, taking the side of Religion as a scholar. The academic dispute was fought on stage as a Panel Discussion (as a play for entertainment of the audience so to speak) and an economist was playing the part of the referee, saying that these topics were too abstract for his field to join the fight.
For the record: These was also a sociologist participating who is holding a seminar here in Alpbach about ‚the social construction of reality‘. She told nice allegories of her own experience with swimming and riding to explain her notion of knowledge and why it’s different from the verifyable scientific and the subjective transcendental knowledge.
So these are the ventures into the ‚ice desert of abstraction‘ (as another scholar put it once) that are undertaken here in the mountain village of Alpbach. And somehow I can just marvel about the ‚Anspruch‚ that is behind all these high-brow topics and the will that is necessary to create so much seriousness around them socially. (Forgive the cynicism towards these honest academic quest for rational enlightment. I’m sure it’s all very important for the sum of individuals that is called society)
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[ Anyways. ]

The religion psychologist who’s doing a course about ‚the impact of religion on societies‚ (or vice versa) had an interesting argument when confronting the hard-fact notion of knowledge science builds upon: Paraphrased, he said that his criteria for measuring knowledge e.g. of religious knowledge, is the usefulness of it, in a very broad sense. It’s necessary to ask for what purpose a certain kind of knowledge is useful. Science, he said, is useful because it provides answers for some of man’s curiosities and questions about nature – besides the technical applications. Whereas transcendental knowledge has other purposes and they shouldn’t be players in the same game of solving the riddles of life.
‚Every dicipline is only verifyed according to its own framework‘; that’s the diplomatic way out of the Discussion Panel. They (the scholars) are part of their own disciplines and when such an interdiscilinary discussion of fundamental epistemological questions takes place, they of course don’t have to come to a definite end and take a decision. Pluralism is the buzz-word that maybe prevents the real clash. If you can find it, it’s a precious luxury of today’s civilisation(s).

[ 3rd ]

The day allegedly ended with a Pub Quiz held by the students comitee.
Because being a student means possessing another kind of luxury:
The luxury of not having to be dead-serious about what one does – yet.

April 26, 2010

Notes on ‚Waltz with Bashir‘

- image from: LightDocuments.Files.Wordpress.com

In → Ari Folman’s Waltz with Bashir geht es nicht um den → Libanon-Krieg, sondern nur – nein, vielmehr – um die Erinnerung daran. Das ist von der ersten Szene an klar. Die Rahmung der Narration mittels Rückblenden bzw. als Recherche-Reise in die eigene Vergangenheit des jetzigen Filmemachers im Libanon wird zur exemplarischen Reflexion über die Transformationen, die die Zeit dem kollektiven wie auch der individuellen Erinnern aufzwingt. „Es geht nicht um historische Fakten, sondern um ihre Spuren in der Seele“ (Diedrich Diederichsen, DIE ZEIT). Nicht zufällig wurde eine (Alb)Traum-Sequenz als Einstieg gewählt – der Albtraum als Ausdruck eines Traumas ist ja eine Erinnerung wider Willen – und auch die anderen flashbacks zeugen nicht von einem „idealen“ fotografischen Gedächtnis der Charaktere.

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Es wäre deshalb falsch dem Film zu unterstellen, er mache das, was → Susan Sontag als „to dismiss politics“ bei vielen Repräsentationen des Krieges kritisiert, da er den Krieg als solchen, als „Zivilisationsbruch“ schlechthin behandelt, oder wie Diederichsen meint „beim vorpolitischen Moment des pazifistischen Entsetzens“ [stehen]bleibe. Waltz with Bashir handelt von und spielt – virtuos – auf der Meta-Ebene seines scheinbaren vordergründigen Themas.
Die Dissoziierung der Soldaten von der nackten Brutalität des real existierenden Krieges und den Folgen ihrer Taten, mittels Rock-Musik, Drogen und Kriegs-Spiel-Spaß, → erinnert an das kürzlich unter dem Titel Collateral Murder bekannt gewordene Video von US-HelicopterPiloten im Irak; Auch darin wird der technisierte assymetrische Krieg zum scheinbar sauberen, zynischen Kriegs-Spiel:
Lt. Col. Dave Grossman, a former Army Ranger and author of the book “On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society” says that to detach oneself from the bloody reality of killing is necessary in order to function in a war: “Military training is fundamentally an exercise in overcoming a fear of killing another human” and, as the → New York Times adds, “many veterans have made the point that fighters cannot do their jobs without creating psychological distance from the enemy. One reason that the soldiers seemed as if they were playing a video game is that, in a morbid but necessary sense, they were.
Die post-trauma Expertin im Film, Prof. Zahava Solomon, erklärt die psycho-mnemonischen Bewältigungs-Strategien ähnlich: „Er betrachtete das Geschehen einfach wie durch das Auge einer imaginären Kamera. Aber eines Tages geschah etwas und diese Kamera zerbrach.“ Und um das Zerbrechen zu bewältigen, produziert sich „das Gehirn“ sein vorläufiges Vergessen, verdrängt die Bilder der zerbrochenen Kamera irgendwohin, von wo sie erst Jahre später wieder hervor-getriggert werden und ihr Recht auf Reflexion einfordern – was ja der Ausgangspunkt für Ari Folman’s Waltz ist.
Die Distanz des bewussten (Wieder)Erinnerns soll nun eine moralisch ‚einwandfreie(re)‘ Einschätzung des Geschehenen bringen; doch als Basis dafür fehlt dem filmischen Ari Folmann die Unmittelbarkeit der (visuellen) Gedächtnis-Inhalte. Der rationell-reflexive Zugang ist erschwert, fast verunmöglicht, und muss sich erst äußerst mühsam und indirekt ein fragmentarisches Gesamt-Bild zusammenbasteln (im Sinne der „→ bricolage„). Und gerade dieses Abmühen eine wahrere Wahrheit aus verschiedenen Subjektivitäten zu konstruieren ist der rote Faden von Waltz with Bashir. Wie die Erläuterung zu einem wissenschaftlichen Versuch mit Kindheits-Fotos im Film beweist, ist sich Ari Folman der komplizierten kognitiven Prozesse des Erinnerns und der Vergangenheits-Konstruktionen voll bewusst. „Keiner von denen hat auch nur eine einzige echte [!] Erinnerung!„, sagt ein Charakter im Film, „Aber es ist doch die Realität„, versucht ein anderer die retrospektive Objektivität zu retten.

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Stilitisch findet dieses postmoderne Eingeständnis der Unzulänglickeit und Gefährlichkeit des unreflektierten Erinnerns seine Entsprechung in der „Comic-spezifische[n] Attraktion der vereindeutigenden Kontur“ der Gattung Comic. Die Genre-mäßige Einordnung in die Film-Landschaft erweist sich allerdings als äußerst schwierig, da die ihre Künstlichkeit verdeutlichenden gezeichneten oder animierten Filme hierzulande allermeistens – noch! –  auf’s Kinderpublikum beschränkt sind und dem Dokumentarischen der befragten talking heads diametral gegenübersteht, scheinbar; symptomtisch dafür sind auch die Unsicherheiten bei der Nominierung für die Oscars 2009, bei denen der Film schlussendlich weder für Best Animated Picture noch für Best Documentary Feature, sondern als erste Animation überhaupt für Best Foreign Language Film nominiert wurde.

Diedrich Diederichsen schreibt in seiner Rezension „Kampf im Kopf„:

Den Einwand, dass auch kritische Kriegsfilme, die mit Empathie und Identifikationsangeboten arbeiten, für den Krieg werben, indem sie ihn als Bühne und Kulisse für Leben und Entwicklung zeichnen und eine falsche Darstellbarkeit [!] suggerieren, nimmt Waltz With Bashir ernst. Er versucht nicht zu zeigen, wie es war, sondern dass man aus gutem Grund nicht mehr genau weiß, wie es war. Zugleich versucht er, Bilder zu liefern für die Rekonstruktion einer erträglichen und der Verarbeitung produktiven Erinnerung. Es sind keine Bilder, die etwas erklären und formulieren, sondern die zeigen sollen, wie innere Bilder, Erinnerungsbilder überhaupt zustande kommen.“ (DIE ZEIT, 6.11.2008 / Nr. 46)


Sogar der professionell-mediale Beobachter, der Reporter → Ron Ben-Yishai von dem die „realen“ Filmbilder am Schluss stammen, behilft sich mit einem Vergleich um das „unbeschreibliche [!] Chaos„, das er wahr-genommen und abgefilmt und berichtet hat zu ordnen: „Du kennst vielleicht auch dieses Bild aus dem Warschauer Ghetto. […] Genauso wie auf diesem Bild sah dieser lange Zug aus„. Der Holocaust-Vergleich kommt nicht von ungefähr: wie Diederichsen erklärt, verfolgen die traumatischen Erinnerungs-Lücken bzw. „die an ihre Stelle getretene Deckerinnerung einen Zweck. Folmans Eltern waren in Auschwitz, er selber wirft sich unbewusst vor, durch seinen Einsatz in der Nähe von Sabra und Schatila zum Nazi geworden zu sein.“ Und so meint auch einer von Folman’s Freunden gegen Ende des Films: „Du warst jung, erst 19, und fühltest dich schuldig. Du musstest die Rolle des Nazis übernehmen.
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Am Ende gelangt der Protagonist mit Hilfe seines Freundes zu der Einsicht, dass er als Beobachter des Massakers auch Anteil an der Schuld hat:
Und in welchem Kreis warst Du?“ – „Ich war entweder im 2. oder im 3.“ […] „Was habt ihr gemacht?“ […] „Ist das wichtig? Ist es nicht absolut egal ob ich sie abgefeuert hab, oder ob ich nur die vielen Lichter gesehen habe, die beim Erschießen geholfen haben?“ „Du bist der Meinung damals als das geschah gab’s da überhaupt keinen Unterschied. Ich glaube an das Massaker erinnerst du dich nicht, weil nach deiner Meinung, die Kreis der Mörder und der anderen, die drumherum waren ein und derselbe Kreis sind.
Diedrich Diederichsen abschließend:
Krieg, das weiß Folman, ist nicht repräsentierbar, und deswegen kann man ihn nicht in einer individuellen Geschichte unterbringen. Aber man kann doch Bilder davon machen und konkret davon erzählen – wenn man die Abstraktion, die jedem Bildermachen zugrunde liegt, nicht hinter dem unmarkierten Realismus der Spielfilmfotografie versteckt.

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→ Diederichsen, Diedrich: Kampf im Kopf. In: DIE ZEIT, 6.11.2008 / Nr. 46
Waltz with Bashir on IMDB
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April 14, 2010

Regarding the Killing of Others

Regarding the Killing of Others

What the Apache attack video tells us about our imagery of war.

On Monday, a video was made public on the internet that shows an US helicopter in Iraq killing civilians in Bagdad. The video, published in a 39 min and an edited 17 minute version, is the recording of the helicopter’s gun camera and includes the soldier’s radio conversation. It was made available under the accusatory title „Collateral Murder“ by the website WikiLeaks.org. WikiLeaks facilitates the publishing of classified and sensitive documents – Mr. Assange, one of the founders, considers himself „both a journalist and an advocate“ – and it one of the exciting new forms of (investigative) journalism on the web, deepthroating 2.0, so to speak.

But what about the video and its content that WikiLeaks brought to light? On → this Wikipedia article and on the → appendant dicussion page one can get a good overview about the disputed incident, which occured almost three years ago, in July 2007. The news agency Reuters had tried to get access to the video material through court appeals under the Freedom of Information Act – in vain. Now it’s in the public eye; but what do we see? At first, one might find itself in the imagery of an air combat computer game. This is also how Julian Assange from WikiLeaks described the actions of the soldiers in the video. „The behavior of the pilots is like they’re playing a video game. Their desire is to get high-scores in their computer game.“ and „These are not bad apples. This is standard practice. You can hear it from the tones of the voices of the pilots that this is in fact another day at the office. These pilots […] and gunners have evidently become so corrupted, morally corrupted, by the war that they are looking for excuses to kill. That is why you hear this segment, “Come on, buddy! Just pick up a weapon,” when Saeed, one of the Reuters employees, is crawling on the curb. […] They just want an excuse to kill.

But – of course – we regard it as a document of reality. It is a unquestionable prove of what happened. The website Democracy Now! calls it „a grim depiction of how routine the killing of civilians has become, and it is a stark reminder of how necessary journalism is, and how dangerous its practice has become.“ But is it really a representation of reality? Yes and no.

The Nature of Images

One who thought and wrote about the nature of images and their impact on us like few others, was Susan Sontag. What might she have said to this video? In her last book, Regarding the Pain of Others, and also in an article about the prison photos from Abu Ghraib, Regarding the Torture of Others, published six months before her death in 2004, she noted some fundamental truths about war images, like this video, and the importance of watching them consciously.
Almost like the prison snapshots – the iconic hooded man or the pile of naked men (you all know the photos, of course) – it shows how „the American effort in Iraq [is] summed up by these images„. Like in the Abu Ghraib ’scandal‘, the Pentagon and the administration (now of course under a new president) are reluctant to call what happened by its name: „Torture„, or in this case „murder“ (the frequent labelling as „murder“ being debatable, if not wrong here, in a legal sense of the word, of course). And like then, the visual prove is considered primarily as a „public-relations disaster“ that damages „the reputation of the honorable men and women of the armed forces who are courageously and responsibly and professionaly [!] defending our freedom across the globe“ (as Donald Rumsfeld put it back then). So, as Susan Sontag aks, „is the real issue not the photographs themselves but what the photographs reveal to have happened„? One is tempted to say yes – after all men were killed and children injured in the firing of an US helicopter. The US soldiers had mistaken the big camera of a journalist for a R.P.G., or rocket-propelled grenade (which is after all, not so much different in a media war, one could cynically add).

The Suffering on the Ground

Important is not what you see, but what you don’t see: the suffering on the ground – this is the common and letigimate reaction of people watching the video. But you have to look closer, i.e. more abstractly; the real importance of what the video brought to public attention lies deeper. It’s not even the hush-up attemps by the military and the statements about the incidents that have now been proved to be lies. It is the question „whether the nature of the policies prosecuted by this [the Bush] administration and the hierarchies deployed to carry them out makes such acts likely.“ It may be called a „direct consequence of the with-us-or against-us doctrines“ the late US foreign policy based its „global war on terror“ on, as a reaction to the 9/11 attacks. „An endless war„, says Sontag, despite Bush’s → Mission is Accomplished (May 1st 2003 George W. Bush said „The War on Terror continues, yet it is not endless. We do not know the day of final victory, but we have seen the turning of the tide.„, so its end was and still is indefinite, which means a constant state of war or a characteristical modern blending of War and Peace)

The Blending of War and Peace

So, to simplify the chain of ideas, the soldiers in Iraq are in a way ‚bound‘ or ‚tempted‘ to act as if everbody they encounter was a terrorist – which of course doesn’t excuses them personally. What strikes one most when watching the video from the morally save haven of one’s living room, are the comments by the soldiers about their victims and the athmosphere of fun in the air while below people are dying, i.e. get killed. It reminds one of the tank driver in Michael Moore’s „Fahrenheit 9/11“ who proudly tells the camera how he listens to „Burn, Motherfucker, Burn!“ via his headphones while he is in combat. „The easy delight taken in violence seems to have grown„, Sontag observes; and it’s this kind of cynic detachtment from the bloody reality of war that is maybe at the core of the problem. In this case, it’s not the facial „expression of satisfaction„, but the jolly tone of the soldier congratulating his comrade – „Good shooting“ „Thank you“ – i.e. the technical, mechanical approach to the killing they have just performed. And the labelling as collateral damage that is the inevitable reaction by officials afterwards.

Lt. Col. Dave Grossman, a former Army Ranger and author of the book “On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society” says that to detach oneself from the bloody reality of killing is necessary in order to function in a war: „Military training is fundamentally an exercise in overcoming a fear of killing another human“ and, as the → New York Times adds, „many veterans have made the point that fighters cannot do their jobs without creating psychological distance from the enemy. One reason that the soldiers seemed as if they were playing a video game is that, in a morbid but necessary sense, they were.“ But do we have to accept these psychological devices of coping as given realities? Or – and that is the real question – how should military executives and war administrators deal with it?“The video’s emotional impact on viewers is also partly rooted in the combination of intimacy and distance it gives them, some experts said. The viewer sees a wider tragedy unfolding, in hindsight, from the safety of a desk; the soldiers are reacting in real time, on high alert, exposed. In recent studies, researchers have shown that such distance tempts people to script how they would act in the same place, and overestimate the force of their own professed moral principles.“ and „“What another person does in that situation should stand as forewarning for what we would do ourselves.”“ We, that we have never been to war zone, have never experienced the reality of death and combat first hand, shouldn’t be so fast to condemm the single soldier’s surreal detachtment from the suffering and the pain, as the real issue is not the individual soldier.

♦ Overcoming the Fear of Killing ♦

In an → interview, done by the independent, that is to say unembedded journalist Rick Rowley the day after the incident right where it happened, a man tells the viewers at home through the camera: „We demand that the American Congress and president Bush superwise their soldier’s actions in Iraq.“ We should not quickly blame the individual soldiers and leave it with that. No matter whether they acted inside the Rules of Engagement or not (which in this case they apparently did, „requesting permission to engage“). Of course the military legislation should see that soldiers follow these rules, which btw are also → available on WikiLeaks to read for everybody. And of course questions have to be asked about the context of the killing that lead to whether and when the streets of Bagdad are to be considered a war zone and what exact Rules of Engagement have to be put into practice according to that. (One especially infuriating remark by on of the soldiers on the fact that the children were injured was „Well it’s their fault for bringing their kids into a battle.“)

♦ „Requesting Permission to Engage“ ♦

But that is not enough and not the real responsibility of „us“ or „the American public“ or any other watcher of the evening news. Our rational, distant judgement is inevitable and necessary, but we should be aware on what basis of representation we form it; even more so, because we are accomplices to the creation of an illusion of precise, clean warfare, not only the Bush administration, but especially most of the media with their coverage through embedded journalism have installed in our visual „Western memory museum“. What everbody constantly has to make oneself conscious of is that „the difference between photography and reality — as between spin and policy — can easily evaporate.“. It’s how „conflicts are judged and remembered“ that is primarily determined by the images, the visual representations of war. Also of course by the military lingo of „collateral damage“ and combat procedures („We just engaged all eight individuals.“ „I’ve got uh eleven Iraqi KIAs“ [Killed In Action])

♦ KIAs

So the answer to the question if the video is ‚just‘ a representation of the really scandalous incident is „No: the horror of what is shown in the photographs cannot be separated from the horror that the photographs were taken.“ What in the case of the Abu Ghraib pictures was an even more direct circle – because the posing for the camera was part of the enjoyment the soldiers were having in the torture – here is a wider complex of visual coverage: The implementation of a understanding of war as a clean engagement between the forces of good and evil. And of policies based on mind sets of black and wide that was implemented to legitimize „America’s right, flowing from that virtue [of „American’s claim to moral superiority„], to undertake unilateral action on the world stage„, as Susan Sontag criticises. It is whether we see war through the military combat video of a helicopter or through the ‚civilian‘ eyes of war journalists, or war photographers like Namir Noor-eldeen, whom we can watch in the video being killed while doing a report. Because eventually, as Susan Sontag says, „the photographs are us„.

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Update:

Many words have been uttered and articles written since the video came out, but I just want to point to one very interesting text: a letter of apology by two American soldiers, one of them being the guy pulling out one of the children in the video.

Words cannot have the same affective and therefore political effects as the images of the video – Words Against Images – this really is an asymmetric war. Still, it’s a great token gesture and there should be more uses of the words acknowledgment and responsibility together, as reactions to images of war.

An Open Letter of Reconciliation and Responsibility to the Iraqi People

Peace be with you. To all of those who were injured or lost loved ones during the July 2007 Baghdad shootings depicted in the „Collateral Murder“ Wikileaks video: […]

There is no bringing back all that was lost. What we seek is to learn from our mistakes and do everything we can to tell others of our experiences and how the people of the United States need to realize what have done and are doing to you and the people of your country. We humbly ask you what we can do to begin to repair the damage we caused.

We have been speaking to whoever will listen, telling them that what was shown in the Wikileaks video only begins to depict the suffering we have created. From our own experiences, and the experiences of other veterans we have talked to, we know that the acts depicted in this video are everyday occurrences of this war: this is the nature of how U.S.-led wars are carried out in this region.

We acknowledge our part in the deaths and injuries of your loved ones as we tell Americans what we were trained to do and carried out in the name of „god and country“. The soldier in video said that your husband shouldn’t have brought your children to battle, but we are acknowledging our responsibility for bringing the battle to your neighborhood, and to your family. […]

Though we have acted with cold hearts far too many times, we have not forgotten our actions towards you. Our heavy hearts still hold hope that we can restore inside our country the acknowledgment of your humanity, that we were taught to deny. […]

Our secretary of defense may say the U.S. won’t lose its reputation over this, but we stand and say that our reputation’s importance pales in comparison to our common humanity.

With such pain, friendship might be too much to ask. Please accept our apology, our sorrow, our care, and our dedication to change from the inside out. We are doing what we can to speak out against the wars and military policies responsible for what happened to you and your loved ones. Our hearts are open to hearing how we can take any steps to support you through the pain that we have caused.

Solemnly and Sincerely,
Josh Stieber, former specialist, U.S. Army
Ethan McCord, former specialist, U.S. Army

Accentuation in bold by me; you can read the full text → here on Michael Moore’s website.

Also read what Josh Stieber (also a former member of the company seen in the video and anti-war activist now) has to say about the incident and its broader significance → here [including a short video interview with him].

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Links

  • WikiLeaks.org or the SunshinePress NGO
  • CollateralMurder.com with the video, transcript, stills and other documents & articles related to the incident
  • DemocracyNow.org with the witness video & an interview with an military expert, saying that the incident is part of a much larger problem.

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