Marian Williams – blog:kaatibun movies and more

August 21, 2013

Johnny Depp und die Sehnsucht nach dem Western – Review: Lone Ranger

Filed under: Film Review — Marian W @ 02:31

“Lone Ranger” ist einer der heutzutage selten gewordenen Ausflüge in den wilden Kino-Westen. Die Hochzeit des Genres ist längst graue Filmgeschichte und auch die rebellischen Italo-Western sind schon lange Klassiker. Aus der guten alten Zeit stammen auch die Vorlagen des aktuellen Films: eine Serie aus den 50ern und ihre Filmadaptionen. Regisseur Gore Verbinski erzählt nun in seiner Version wie das Greenhorn John Reid zum Titelhelden wird. Als sein Bruder vom diabolischen Banditen Butch ermordet wird und er selbst nur knapp dem Tod entrinnt, wird er zum maskierten Reiter für Gerechtigkeit. Unterstützt und gerettet wird er dabei immer wieder vom seltsamen Indianer-Einzelgänger Tonto. Sidekick Tonto ist im Jahr 2013 kein einfacher Diener mehr, sondern die zweite Hauptfigur, prominent verkörpert von Johnny Depp. Der legt seinen Tonto ähnlich skuril an wie Captain Jack Sparrow in “Fluch der Karibik”, auch wenn er bei seiner Gratwanderung zwischen Witzfigur und Indianer-Stereotyp wenig Spielraum hat. Überhaupt wurde die actionreiche Verfolgungsjagd der Bösewichte als Western-Variante der erfolgreichen Piraten-Reihe propagiert. Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer – bekannt für ihre maßlosen Blockbuster – sind mit dieser Übertragung an der Kinokasse aber katastrophal gescheitert. Der Film spielte in Amerika nur einen Bruchteil seiner Kosten von einer Viertel Milliarde Dollar ein und beschert dem Disney-Konzern damit ein gewaltiges finanzielles Sommerloch.

Die zu hohen Erwartungen, die mit den berühmten Namen und dem Budget verbunden waren, kann der Film nur teilweise einlösen, auch wenn er ein überdurchschnittlich guter Action-Film ist (siehe der bombastische Showdown auf dem fahrenden Zug). “Lone Ranger” ist weder ein ernst-gemeinter moderner Western noch ein übersteigerter Genre-Remix, wie Quentin Tarantinos “Django Unchained”. Das Rezept, das bei der Wiedererweckung des Seeräuber-Genres so gut funktionierte – eine Mischung aus Action und Humor – lässt sich auch mit viel Geld nicht so ohne weiteres auf den Western übertragen. Trotz vieler Genre-Zitate – etwa die berühmte Bahnhofsszene aus “Spiel mir das Lied vom Tod” und John Wayne-Allüren – wirkt der Wilde Westen hier seltsam künstlich, wie eine Disney-Attraktion (etwa die Fahrt durch die Silbermine). “Lone Ranger” schaut aus wie ein Western, aber er fühlt sich nicht an wie ein Western.

Allerdings beginnt der Film mit einer intelligenten Rahmenhandlung, die auch später immer wieder die Erzählung unterbricht: Darin trifft ein kleiner Junge in einem Vergnügungspark den alten Indianer Tonto. Der erzählt ihm die Geschichte als seine Erinnerung. So gesehen nimmt der Film sein Genre nicht ernst und bricht die Illusion bewusst. Der Western war schon immer ein Phantasma des Kinos. Hier dient die mythische Prärie als Kulisse für einen soliden Action-Blockbuster. Die Sehnsucht nach dem Weste(r)n bleibt.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom Sa 17.8.2013]

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Mai 3, 2013

Tödliche Nebenwirkungen – Review SIDE EFFECTS

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“Side Effects” wird Steven Soderberghs letzter Kinofilm sein. Das hat der 50-Jährige Oscar-Gewinner bei der Premiere auf der diesjährigen Berlinale bekräftigt; es sei zu frustrierend im heutigen Studio-System interessante Projekte zu verwirklichen und er wolle zumindest eine längere Karriere-Pause einlegen. Dafür hat er diesmal nocheinmal einige Stars aufgeboten; Shooting Star Rooney Mara (“The Social Network”, “Verblendung”) gibt die junge Emily Taylor. Zu Beginn der Geschichte begrüßt sie ihren Mann (Channing Tatum), der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Als Börsenmakler mischte er bei illegalen Insidergeschäften mit und muss sich nun wieder hocharbeiten um zu seinem früheren Leben mit Emily zurückzukehren. Doch Emily kann nach der langen Zeit alleine nicht mit seiner Rückkehr umgehen und verfällt in Depressionen. Damit hat Jude Law alias Dr. Banks seinen Auftritt. Er behandelt die attraktive Emily und verschreibt ihr ein neuartiges heftig beworbenes Antidepressivum namens Ablixa.

Damit schlägt der Film einen ungewöhnlichen Hacken: Soderbergh lässt seine Figuren fast unbemerkt den Platz wechseln, Dr. Banks wird zum neuen Protagonisten. “Side Effects” wird – durch die mehr als unerwünschten Nebenwirkungen des Medikaments auf Emily – zum Gerichtsthriller, Dr. Banks als behandelter Arzt gerät in die Schusslinie. Und dann ist da noch Emilys undurchsichtige frühere Psychiaterin Dr. Siebert, unnahbar verkörpert von Catherine Zeta-Jones.

In diesem verzwicktem Psychothriller mit gesellschaftskritischem Unterton ist nichts wie es scheint. Die Pharmaindustrie, die in Amerika sehr viel dominanter auftritt als wir es in Europa kennen, wird von “Side Effects” nicht begeistert sein. Soderbergh hat mit seinem letzten Film aber vorallem einen dichten Hochglanz-Genrefilm vorgelegt und nocheinmal all seine filmische Erfahrung aufgeboten. Die Figuren und ihre dunklen Seiten sind auch dank ihren hervorragenden Darstellern glaubhaft und die bedrohliche Atmosphäre, die Soderbergh um sie herum erzeugt, ist durchaus kraftvoll. Lediglich die Geschichte mit ihren Twists ist einigermaßen überfrachtet und erinnert eher an eine hochklassige Mini-Serie. Knapp 2 Stunden sind schlicht zu wenig um diese interessante Story völlig glaubwürdig auszuerzählen.

Soderberghs angekündigtes Karriere-Ende wird übrigens demnächst beim Filmfestival in Cannes nocheinmal verschoben. Dort wird nämlich seine für den US Kabel-TV-Sender HBO produzierte Arbeit “Behind the Candelabra” im Wettbewerb zu sehen sein.

[Ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“, Print-Ausgabe vom 3.Mai 2013]

April 4, 2013

Indiens magische Mitternachtskinder – Review MIDNIGHT’S CHILDREN

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 23:59
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Salman Rushdie ist vor allem für ein Buch bekannt: “Die Satanischen Verse” brachten ihm 1989 Blasphemie-Vorwürfe, ein Millionen-Kopfgeld und ein Leben im Untergrund ein. Übersetzer wurden ermordet und die Meinungsfreiheit so heftig diskutiert wie selten. Rushdie hatte allerdings schon Anfang der 80er Jahre einen allseits beachteten Roman namens “Mitternachtskinder” geschrieben. Dieser wurde nun von der kanadisch-indischen Regisseurin Deepa Mehta verfilmt.

Die Geschichte setzt nach einer Vorgeschichte der Familie mit der Unabhängigkeit Indiens im August 1947 ein. Das ist auch das große Thema von Rushdies postkolonialem Klassiker: Die Verbindung einer Familiengeschichte als exemplarische Geschichte des Landes, erzählt im Stil des magischen Realismus. Die Hauptfigur Saleem kommt nämlich exakt um Mitternacht, zur Geburtsstunde des neuen Landes, auf die Welt. Damit gehört er zu einer auserwählten Gruppe von Kindern, die besondere fantastische Fähigkeiten besitzen. Genau gleichzeitig mit ihm wird allerdings noch ein zweiter Junge namens Shiva geboren. Die beiden werden im Kreißsaal von einer christlichen Schwester vertauscht. Saleem wächst als Sohn einer reichen muslimischen Familie auf, Shiva als Sohn eines bettelarmen Hindu. Ihr beider Schicksal verknüpft sich in Folge mit dem des indischen Subkontinents, der bald darauf in Indien und Pakistan, und später Bangladesh zerbricht.

Deepa Mehta versucht sowohl die Komplexität der Geschichte als auch ihre humorvolle Magie ins Filmische zu übersetzen. Bis zu einem gewissen Grad gelingt ihr das auch. Der Umfang und die schiere Zahl der Figuren ist jedoch eine Herausforderung, die der Film trotz der Länge von 146 Minuten nicht gänzlich in den Griff bekommt – zumindest für westliche Maßstäbe. Der Film orientiert sich nämlich durchaus auch an Bollywood mit seinen prallgefüllten Großproduktionen, in denen alle Genres bunt durcheinanderwirbeln und die dick aufgetragenden Emotionen im Vordergrund stehen. “Mitternachtskinder” ist ein Hybrid-Film, der mit seinem moderaten Kitschfaktor die Kulturgrenzen überwindet. So gibt es zwar viel Musik, aber keine wirklichen Musical-Szenen, viel Action und Romantik, die aber nicht bis zur Lächerlichkeit übersteigert werden, und durch die politische Thematik hat der Film durchaus eine gewisse Ernsthaftigkeit. Wer genügend Sitzleder mitbringt, bekommt ein buntes, schnell und humorvoll erzähltes Indien-Epos serviert.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 4.4.2013]

März 27, 2013

Flucht in die Wand – Review 3096 Tage

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Natascha Kampuschs Gefangenschaft als Film

 

“3096 Tage” hat Natascha Kampuschs Freiheitsentzug also gedauert und so heißt auch ihre Autobiographie und deren Verfilmung. Die Geschichte ist weltweit bekannt und ebenso einfach wie unvorstellbar: Der arbeitslose Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil baut sich in seinem Haus in Gänserndorf ein Kellerverlies und entführt ein 10-jähriges Mädchen auf dem Schulweg. 8 Jahre später kann sie flüchten und er wirft sich vor den Zug. Die Machtbeziehung, die sich über diese lange Zeit zwischen den beiden entwickelt, ist überaus interessant. Darum dreht sich der Film. Es werden zwischen dem kurzen Prolog und Epilog in Freiheit einzelne Szenen aus der 8-jährigen Gefangenschaft erzählt, die mit Inserts einem bestimmten Tag zugeordnet werden. Es ist erstaunlich wie flüssig das gelingt. Denn die Dramaturgie dieses spektakulären Falles ist alles andere als filmisch. Die Herausforderung der Drehbuchautoren (darunter der verstorbene Produzent Bernd Eichinger) bestand dabei in der paradoxen Situation, einen klaren Rahmen und Berichte des Geschehenen zu haben, aber zugleich auch eine große Freiheit den Alltag innerhalb dieses Rahmen zu erzählen. Der moralische Spielraum ist aber im wahrsten Sinne des Wortes klein. Was wird erzählt, gezeigt? Wie lässt sich diese seltsame Beziehung inszenieren? Wenn der Peiniger dem kleinen Mädchen die Prinzessin auf der Erbse vorliest und sie ihn um einen Gute-Nacht-Kuss bittet, kann die Erzählung einer erlebten Realität leicht in bedeutungsschwangere Sinnbilder umschlagen. Regisseurin Sherry Hormann (“Wüstenblume”) überzeichnet jedoch nicht. Ihre Inszenierung bleibt betont leise und zurückhaltend auch wenn sie jene psychischen und sexuellen Vergewaltigungen zeigt, die Kampusch selbst in ihrem Buch noch ausgespart hatte. Die beiden Hauptdarsteller Antonia Campbell-Hughes und Thure Lindhardt bewältigen ihre schwierigen Aufgaben außerordentlich gut, wobei erstere die Tortur allein schon durch ihren abgemagerten Körper deutlich macht. Die Figur des Wolfgang Priklopil – glaubhaft als Muttersöhnchen und Sadist – muss trotz einiger Szenen mit seiner Mutter unverständlich bleiben. Diese Perspektive ist beabsichtigt, es ist Natascha Kampuschs Geschichte.

Auch die Bilder von Michael Ballhaus sind von einigen Ausnahmen abgesehen ruhig und alltäglich, das biedere Wiener Vorstadt-Häuschen mit Kellerverlies bleibt unscheinbar. Lediglich auf der Tonebene kommen gezielt Effekte zum Einsatz. Der Film geht bewusst nicht an die Grenzen, will weder Tränen und Drama noch Ekel und Klaustrophobie provozieren, bleibt in einer sicheren berichtenden Distanz. Diese extreme Geschichte funktioniert auch ohne filmische Extreme. Die Mischung aus Voyeurismus und Abscheu, die den Medienberichten solcher Verbrechen zu eigen ist, wird hier nicht bedient. “3096 Tage” ist ein unspektakulärer Film. Und vielleicht ist das auch gut so.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 27.3.2013]

März 22, 2013

Verrückte Silberstreifen am Horizont – Review SILVER LININGS PLAYBOOK

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“Silver Linings Playbook (Il lato positivo)” ist einer der verücktesten Filme des vergangenen Jahres und einer der kraftvollsten. Es geht darin um Pat, der gerade aus der psychiatrischen Behandlung entlassen wurde. Er ist manisch-depressiv und rastete aus, als er seine Frau mit einem anderen Mann erwischte. Nun versucht er sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Wer bei dieser Ausgangslage ein tragisches Drama erwartet liegt aber falsch. “Silver Linings Playbook” ist im Grunde eine schnelle, überdrehte Romanze bei der die ernsten Untertöne lässig nebenbei anklingen und von einem netten Soundtrack begleitet werden. Pat zieht wieder bei seinen Eltern ein und will seine Ex-Frau zurückerobern. Robert DeNiro glänzt als Football-besessener, abergläubischer Vater. Bei einem Essen mit Freunden lernt er die emotional instabile Witwe Tiffany kennen. Zunächst eher genervt voneinander, finden diese beiden gebrochenen Figuren dann zunächst als Freunde zueinander. Tiffany überredet Pat mit ihr für einem Tanz-Wettbewerb zu trainieren; im Gegenzug soll sie seiner Frau Briefe übergeben. Jennifer Lawrence gewann für ihre Interpretation der Tiffany verdient den einzigen Oscar der 8 Nominierungen des Films. Ihr Spiel ist außerordentlich stark und zugleich anziehend und unzugänglich. Zusammen mit Bradley Cooper (eher bekannt aus den “Hangover” Filmen) erzeugt sie eine ungewöhnliche Energie, die sich erst langsam in Richtung Romantik bewegt. Höhepunkt der Story ist – wie könnte es anders sein – der Tanzwettbewerb. Pats Vater hat eine Doppelwette auf den Erfolg der beiden und auf ein Football-Spiel abgeschlossen und Pats Exfrau ist auch anwesend.

 

Was “Silver Linings Playbook” zu einem so ungewöhnlichen Film macht, ist die Mischung völlig unkonventioneller Zutaten und die Intensität dieser Mischung, die genauso schnell die Stimmung wechselt wie der finale Tanz. Eingefangen durch eine Kamera, die ebenso unruhig ist wie die Charaktere. Zum Beispiel in der Szene als Tiffany Pat beim Joggen verfolgt und sie sich gegenseitig ihre Verrücktheit an den Kopf werfen. Es sind Gegensätze, die einen ganz eigenen Charme erzeugen: das Setting im bekannt-friedlichen Vorstadt-Amerika mit seinen Einfamilienhäusern, in denen nur normale, glückliche, erfolgreiche Menschen wohnen sollten. Tanzen und Football. Die Liebe zweier Menschen, die mit sich selbst kämpfen. Die Liebe muss eben nicht immer kitschig sein.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 22.3.2013]

Februar 27, 2013

Austria goes Hollywood – Oscars 2013

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Die Gewinner der Oscars 2013

Die Oscars sind kein Schirennen. Der Medaillienspiegel ‘für Österreich’ schaut dennoch nicht schlecht aus. Christoph Waltz holt überraschend zum zweiten Mal den Nebenrollen-Oscar, Michael Haneke wenig überraschend den Auslands-Oscar. In den anderen Kategorien – Bester Film, bestes Original-Drehbuch, beste Regie und beste Schauspielerin – musste sich Hanekes französisch-sprachiges Alterswerk “Amour” jedoch würdigen Mitnominierten geschlagen geben. Die Vorauswahl für die von den etwa 6000 Academy-Mitgliedern geheim gewählten Gewinnern war heuer so stark wie selten gewesen. Den Oscar für den besten Film des vergangenen Jahres gewann der zuletzt favorisierte Film “Argo” von Ben Affleck. Der Agenten-Thriller ist die Verfilmung einer wahren Geschichte über eine Befreiungsaktion aus dem Iran mit Hilfe eines vorgetäuschten Filmprojekts und schaffte es geschickt eine politische Story mit einem Film-im-Film-Motiv zu verbinden. Affleck selbst war nicht in der Regie-Kategorie nominiert gewesen. Den Regie-Preis holte sich Ang Lee für “Life of Pi”, der damit nach “Brokeback Mountain” bereits seinen zweiten Oscar mit nach Hause nehmen darf. Außerseiter Benh Zeitlin ging mit seinem magischen Realismus in “Beasts of the Southern Wild” leer aus. “Life of Pi” holte sich auch wie erwartet die Preise in den ‘visuellen’ Kategorien für Kamera und Effekte – nicht unverdient angesichts der fantasievollen 3D-”Überwältigungskinos”, wie es der vor zwei Jahren nominierte Tiroler Kameramann Christian Berger nannte.

Die Schauspieler und Schauspielerinnen hatten es heuer besonders schwer. Bei den männlichen Nebendarstellern waren alle Nominierten schon Oscar-Preisträger, darunter Schauspielgrößen wie Robert DeNiro (für die Rolle des schrulligen Vaters in “Silver Linings Playbook”), Tommy Lee Jones (für den Sklaverei-Gegner in “Lincoln”) oder Alan Arkin (für einen Hollywood-Produzenten in “Argo”). Auch Philip Seymour Hoffman in “The Master” hatte sich mit einer beeindruckenden Performance in der Rolle eines Sekten-Gurus qualifiziert. Dass Christoph Waltz alias Dr. King Schultz in “Django Unchained” nun erneut gewinnt, zeigt, dass der Österreicher mittlerweile voll in Hollywood angekommen ist. Bei den Frauen wurde Anne Hathaway wenig überraschend für die Herausforderung ihrer Musical-Rolle in “Les Miserables” geehrt. Emmanuelle Riva war an ihrem Geburtstag der sehr interessanten Darstellung von Jennifer Lawrence in “Silver Linings Playbook” unterlegen, die ihr in ihrer Dankesrede prompt zum Geburtstag gratulierte. Daniel Day-Lewis holte sich wie geplant seinen dritten Oscar für seine beeindruckende Verkörperung von Abraham Lincoln ab. Day-Lewis schien vorbereitet und scherzte, dass Meryl Streep, die ihm den Preis überreichte, eigentlich die erste Wahl für die Rolle gewesen sei und dass er Regisseur Steven Spielberg davon überzeugen konnte, “Lincoln” nicht als Musical zu drehen. Seine Rede, in der er Autor Tony Kushner, Steven Spielberg und dem Geist Lincolns dankte, war somit die einzig interessante unter ansonsten recht unspektakulären Namensnennungsansprachen.
Moderator Seth McFarlane, sonst für seine spitze Zunge bekannt, war in seinen Witzen eher zahm. Insgesamt wurde die Show von vielen Musik-Einlagen dominiert, darunter die mit ihrem Song aus dem Bond-Film “Skyfall” ausgezeichnete Adele. James Bond wurde im 50. Jubiläumsjahr ein Tribute gewidmet. Die Überraschungseinlage war die Präsentatorin des Oscars für den besten Film: First Lady Michelle Obama höchstpersönlich verkündete in einer Videobotschaft aus dem Weißen Haus den Gewinner “Argo”.

Christoph Waltz

Es ist eine Ironie der Filmgeschichte, dass Michael Haneke und Christoph Waltz den selben Stiefvater haben. Der erfolgreichste österreichische Schauspiel-Export der jüngeren Geschichte wird nicht müde zu betonen, wem er diesen Durchbruch in Übersee nach so vielen Jahren der Fernseharbeit verdankt. Erst mit der Rolle in Tarantinos “Inglorious Basterds” schaffte der heute 56-Jährige den Sprung. Studiert hat Waltz an zwei renommierten Schauspiel-Schulen: dem Max-Reinhard-Seminar in Wien und dem Lee Strasberg Institute in New York. Den österreichischen Pass erhielt Waltz allerdings erst 2010; zuvor war er, obwohl in Wien aufgewachsen, durch seinen Vater deutscher Staatsbürger gewesen.
In diesem Jahr wird Waltz übrigens noch Michael Gorbatschow verkörpern. Waltz hat vier Kinder aus zwei Ehen und lebt mittlerweile neben Berlin auch in Los Angeles.

Michael Haneke

Auf die Wichtigkeit des Oscars angesprochen, meinte Michael Haneke, die goldene Palme in Cannes sei künstlerisch sicher der wichtigere Preis, aber den Oscar kenne eben “jeder Bauer in Afghanistan”. Der in München geborene und in Wien aufgewachsene Altmeister hat also durchaus einen pragmatischen Zugang zu den vielen Preisen, mit denen er dieser Tage überhäuft wird: Sie würden ihm die Finanzierung des nächsten Projektes erleichtern. Was das sein wird und wo er es realisieren wird, ist noch völlig offen.
Haneke begann seine Karriere in Österreich mit Theater- & Fernseharbeiten, wo er 1989 mit “Der siebente Kontinent” zum Kino wechselte. Zusammen mit den beiden folgenden Filmen “Benny’s Video” und “71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls” sind sie als Trilogie der “Vergletscherung der Seele” bekannt geworden. 1997 drehte Haneke mit “Funny Games” seinen letzten Film in Österreich. Seitdem arbeitet der Meister in Frankreich und realisierte dort vielfach prämierte Filme wie “Caché” oder die Jelinek-Verfilmung “Die Klavierspielerin”. Für sein ebenfalls Oscar-nominiertes Epos “Das Weiße Band” zog es ihn 2009 nach Deutschland. Zwei Jahre zuvor hatte er in Amerika ein Remake von “Funny Games” gedreht. Auch die Franzosen wissen ihren Haneke zu schätzen: Vergangenes Jahr wurde er dort Ritter der französischen Ehrenlegion. Einen Tag vor den Oscars erhielt er nicht nur den französischen Filmpreis César, sondern feierte in Abwesenheit auch die Premiere seiner Inszenierung Cosi fan Tutte an der Madrider Oper. Haneke ist verheiratet und Vater.

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Di 19.2.2013]

Buntes Märchen als bildgewaltiges Attraktionskino – Review LIFE OF PI

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 13:51
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Rund um Weihnachten ist im Kino die Zeit für Märchen. “Life of Pi” des Oscar-Preisträgers Ang Lee fällt – im Unterschied zu seinem “Brokeback Mountain” – eindeutig in diese Kategorie. Moderne Kino-Märchen zeichnen sich vorallem durch die Dominanz der bunten Bilder aus. Mit der Verfilmung des raffinierten Erfolgs-Romans von Yann Martel beweist Lee wiederum, dass er ein Meister der filmischen Opulenz ist. Schon in seiner wunderschön-traurigen asiatischen Doppel-Liebesgeschichte “Crouching Tiger, Hidden Dragon” reicherte er einen recht simplen Plot mir der Eleganz von Kongfu, atemberaubenden Landschaften und außereuropäischem Flair an. Diesmal ist es nicht das alte China, sondern – dem momentanen Trend folgend – das filmische Traumland Indien. Das mag für eine Hollywood-Produktion durchaus auch finanzielle Gründ haben; der Crossover-Film ist gerade beim asiatischen Millionen-Publikum sehr erfolgreich gestartet. In erster Linie verleiht es dem Märchen aber eine farbenprächtige Exotik, die im Westen gut ankommt. Wie der Protagonist ist auch der Film auf einer Reise von Indien in den Westen. Die Geschichte ist ebenso einfach wie märchenhaft: Der junge Pi will mit seiner Familie und den Zootieren seines Vaters nach Kanada übersetzen. Ein Sturm lässt ihn als einzigen Überlebenden auf einen Rettungsboot zurück, zusammen mit einem bengalischen Tiger. Um diese Beziehung während des 227 Tage dauernden Überlebenskampfes auf See geht es in “Lif of Pi”. So gesehen ist der Film auch eine Art Liebesgeschichte zwischen Mensch und Tier.
Märchen liefern mit ihrer scheinbaren Einfachheit oft auch eine moralische Botschaft mit. In “Life of Pi” sollte man sich davon aber nicht allzusehr irritieren lassen; die (inter)religiöse Moral der Geschichte ist bei weitem nicht so aufdringlich wie mancherorts beklagt. Ang Lee nimmt das Märchen wörtlich; die Interpretation kommt erst am Schluss. Alles andere als tiefsinnig setzt der Film also stattdessen voll und ganz auf seine visuelle Magie (ähnlich wie Camerons “Avatar”). Damit ist die farbenprächtige Odyssee eine zweistündige Reise zurück zu den Anfängen des Kinos als Spektakel – das kitschige Pathos des Erzählfilms tritt fast ganz hinter das Kino der Attraktion zurück. Noch nie war 3D so sinnvoll wie in diesem Film und selten so schön – die Ozeanwellen sind geradezu spürbar, der Tiger auch. Wenn man es schafft, nicht mehr von “Lif of Pi” zu erwarten und sich darauf einzulassen: gut. Wenn nicht, bleibt nur eine sentimentale Abentauer-Story mit wenig Substanz zurück. Die Bilder sprechen für sich – aber erzählen uns nichts.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 28.12.2012]

Klein aber Wild – Review BEASTS OF THE SOUTHERN WILD

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 13:51
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Wenn ein Erstlings-Independent-Film gleich viermal, in den besten Kategorien, für den Oscar nominiert ist, muss dieser Film eine ganz besondere Mischung sein. “Beasts of the Southern Wild” tauchte nach seiner Premiere in Sundance zurecht in den meisten Bestenlisten des vergangenen Jahres auf und gewann auch die Goldene Kamera für den besten Debut-Film in Cannes. Nun kommt der Film auch hierzulande ins Kino. Die moderne Südstaaten-Geschichte rund um das kleine Mädchen Hushpuppy spielt in einem Küstengebiet in Louisiana und der Sturm im Film erinnert an Hurrikan Katrina. Hushpuppy lebt dort zusammen mit ihrem temperamentvollen Vater Wink in einer losen Gemeinschaft inmitten der Überflutungsgebiete. Die Armut ist zugleich eine Naturverbundenheit, die im modernen Amerika seltsam wirkt. Sie wird im Film nicht versteckt; die Bewohner sind stolz auf ihre Unabhängigkeit. Auch deshalb ist “Beasts of the Southern Wild” ein sehr amerikanischer Film. Als die Truppe von den Behörden zwangsevakuiert und in einem sterilen Notquartier untergebracht wird, verweigern sie die Hilfe und nehmen bei der ersten Gelegenheit  reißaus. Der gesamte Film wird durch die Augen des Mädchens erzählt und so gibt es auch ein kleines Fantasy-Element: Inspiriert von ihrer Lehrerin, die den Kindern von den Auswirkungen des Klimawandels erzählt hat, stellt sich Hushpuppy die titelgebenden Tiere als urzeitliche Wesen aus dem ewigen Eis vor (die man wunderbar psychoanalytisch deuten könnte). Hushpuppy wird von der damals 6-jährigen und mittlerweile Oscar-nominierten Quvenzhané Wallis unglaublich kraftvolll dargestellt. Von der Vater-Tochter-Beziehung angefangen bis zu dem ungewöhnlichen Setting überzeugt “Beasts of the Southern Wild” durch eine wilde, energie-geladene Erzählweise. Eine der schönsten Szenen ist die, in der Hushpuppy in eine Bar kommt und dort im Licht der Scheinwerfer mit einer Frau tanzt, die vielleicht ihre Mutter ist, nach der sie sucht. “Beasts of the Southern Wild” ist ein ungemein bunter, opulenter Film, der das Kino als Erlebnis feiert und so weit entfernt ist von einem langsamen, kargen Naturalismus wie es nur geht (davon kann man sich schon im Trailer überzeugen). Vorallem die visuelle Gestaltung – in Verbindung mit einem dominanten Soundtrack – verleiht dem Film einen Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann. Im 16mm-Format und fast durchgehend mit Handkamera gedreht, entwickelt der Film eine ganz eigene Dynamik. Der Film hebt sich aber in seiner unkonventionellen Dramaturgie auch von den großen Hollywood-Blockbustern ab. Ohne Zweifel ein singuläres Kino-Ereignis. Und auch wenn “Beasts” bei der Oscarverleihung am kommenden Sonntag leer ausgehen sollte: das Publikum hat der Film jedenfalls schon gewonnen.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 21.2.2013]

Die traurigen Augen der Tiffany Blechschmid – Review ANLEITUNG ZUM UNGLÜCKLICHSEIN

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 13:50

Leider in Nordtirol nicht mehr im Kino. Aber der perfekte Film für einen netten DVD-Abend, nicht nur als chick flick.

Paul Watzlawicks Buch “Anleitung zum Unglücklichsein” ist kein Roman und der gleichnamige Film ist keine Verfilmung. Auch wenn das dünne Büchlein nun als “Bestseller zum Film” mit einem Vorwort der Regisseurin neu aufgelegt wird, leiht sich die Deutsch-Amerikanerin Sherry Horman vom österreichisch-amerikanischen Psychoanalytiker Watzlawick eher die thematische Unterlage als konkrete Inhalte. Das macht aber nichts, denn ihr ist damit ein zauberhaft-leichtes Stück Kino gelungen.

Die Hauptfigur ist eine junge Frau Anfang dreißig, Besitzerin eines Feinkostladens und eines Namens für den sie ihrer toten Mutter immer noch Vorwürfe macht. Diese verfolgt sie in Form von Iris Berben regelmäßig und bringt das Problem ihrer Tochter auf den Punkt: “In der Kindheit die Gründe für’s Unglücklichsein zu suchen, ist zu einfach.” Die liebenswert verrückte, abergläubische Tiffany wird von Johanna Wokalek gespielt, die man sowohl am Burgtheater als auch in prominenten deutschen Filmen kennt (etwa als Terroristin in “Der Baader Meinhof Komplex” oder in “Die Päpstin”). Die Handlung dreht sich im Grunde darum, wie Tiffany ihre selbsterfüllenden Prophezeiungen über ihr eigenes Unglück zu überwinden versucht und ihr Glück in der Liebe bei einem ihrer beiden Verehrer sucht und vielleicht findet. Der eine ist ein norddeutscher Macho-Polizist, der andere ein sensibler Fotograf. Und da sind dann auch noch ihre schrulligen Mitarbeiter im Laden und der väterliche Freund. Wem das alles ein wenig bekannt vorkommt, der braucht nur den wunderschön in Szene gesetzten Ort Berlin-Kreuzberg durch Montmartre in Paris zu ersetzen und den Feinkostladen “Blechschmid’s” durch das “Cafe de Deux Moulin”: Die Parallelen zur “Fabelhaften Welt der Amelie” sind mehr als deutlich, auch wenn hier in Berlin eine eigene Geschichte erzählt wird. Genauso unterhaltsam-flockig wird mit der subjektiven Perspektive der Hauptfigur gespielt und “Anleitung zum Unglücklichsein” ist vielleicht neben dem tragisch-komischen “Oh Boy” mit Tom Schilling der beste Berlin-Film der letzten Jahre. Der Vergleich mit “Amélie” darf also durchaus als Kompliment verstanden werden.
Sherry Hormann machte sich nach dieser gelungenen leichten Liebeskomödie übrigens an eine ungleich schwerere Kost: die dieser Tage präsentierte Verfilmung der Natascha-Kampusch-Autobiographie “3096 Tage”. Von so einem Schicksal ist “Anleitung zum Unglücklichsein” meilenweit entfernt und man ist froh, sich nur in die Luxusprobleme von Tiffany Blechschmid entführen zu lassen.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 28.2.2013]

Existentielles Kino – Review AMOUR

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 00:13
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Hanekes Meisterwerk über Liebe & Tod

Von Thomas Bernhard stammt der Ausspruch, innere Vorgänge, das was niemand sieht, seien das einzig Interessante an der Literatur überhaupt. Auch Michael Haneke hat sich in seinem bisherigen Werk damit beschäftigt. Aber er weiß, dass die Darstellung innerer Vorgänge im Film eine etwas diffizilere Angelegenheit ist. Der Zuschauer blickt von außen auf die Charaktere, sieht ihre Handlungen, ihr Verhalten. Haneke stellt die Innenwelt dieser Außenwelt stets als Frage in den filmischen Raum und er gibt nie eine Antwort auf diese Frage. Das ist das beunruhigende an seinen Filmen.

Auch der Tod spielt bei Haneke immer eine tragende Rolle: bereits in seinen frühen, noch in Österreich realisierten Filmen wird dies deutlich, wie in dem brutalen Film „Der siebte Kontinent“ in dem er ohne jegliche Erklärung eine normale Familie zeigt, die langsam Selbstmord begeht. In den schwer zu ertragenden Schockern „Bennys Video“ und „Funny Games“ treibt er es schließlich auf die Spitze. Haneke will verstören, nicht erklären und besänftigen. Zuletzt in seinem Oscar-nominierten Historien-Epos „Das weiße Band“ in dem er ein beunruhigendes Panorama einer dörflichen Gesellschaft und ihrer strukturellen Gewalt zeichnet. Hier wird schon deutlich, dass der Autorenfilmer tiefer eindringt in die Abgründe der menschlichen Existenz.

Mit „Amour / Liebe“ – für das Haneke in Cannes seine zweite Goldene Palme erhielt – legt er nun seinen intimsten und vielleicht universellsten Film vor. Wiederum geht es um den Tod, doch diesmal im Grunde ohne außergewöhnliche Umstände, eigentlich ohne schockierende Gewalt. Inspiriert vom Suizid seiner eigenen 93-jährigen Tante erzählt er die Geschichte eines Paares am Ende ihres Lebens: George und Anne – grandios gespielt von den über 80-jährigen Schauspielgrößen Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant – leben alleine in ihrer Pariser Wohnung, wo der Film fast zur Gänze spielt. Als Anne einen Schlaganfall erleidet wird die Bedeutung der titelgebenden lebenslangen Liebe neu definiert und George muss eine Entscheidung treffen.

Die existentielle Frage des Todes im Kontrast zur unaufgeregten tiefen Liebe dieser beiden Figuren macht Hanekes „Amour“ so intensiv. Langsam und ohne jegliche Sentimentalität, ohne künstliche Schönheit verfilmt er eine mögliche bittere Realität des Liebes-Ideals „bis dass der Tod uns scheidet“. Visuell ist der Film sehr reduziert, streng durchkomponiert und ganz fokussiert ganz auf seine zwei Charaktere in ihrem Alltag. Haneke mutet seinem Publikum wie immer einiges zu. Spannung und Unterhaltung sind dafür die falschen Kategorien. Hanekes Filme sind anders: existentielles Kino.

„Amour“ ist offizieller Kandidat auf eine Nominierung für den Auslands-Oscar, und zwar trotz großteils französischer Produktion und Sprache für Österreich.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 28.9.2012]

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