Marian Williams – blog:kaatibun movies and more

April 4, 2013

Indiens magische Mitternachtskinder – Review MIDNIGHT’S CHILDREN

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 23:59
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Salman Rushdie ist vor allem für ein Buch bekannt: “Die Satanischen Verse” brachten ihm 1989 Blasphemie-Vorwürfe, ein Millionen-Kopfgeld und ein Leben im Untergrund ein. Übersetzer wurden ermordet und die Meinungsfreiheit so heftig diskutiert wie selten. Rushdie hatte allerdings schon Anfang der 80er Jahre einen allseits beachteten Roman namens “Mitternachtskinder” geschrieben. Dieser wurde nun von der kanadisch-indischen Regisseurin Deepa Mehta verfilmt.

Die Geschichte setzt nach einer Vorgeschichte der Familie mit der Unabhängigkeit Indiens im August 1947 ein. Das ist auch das große Thema von Rushdies postkolonialem Klassiker: Die Verbindung einer Familiengeschichte als exemplarische Geschichte des Landes, erzählt im Stil des magischen Realismus. Die Hauptfigur Saleem kommt nämlich exakt um Mitternacht, zur Geburtsstunde des neuen Landes, auf die Welt. Damit gehört er zu einer auserwählten Gruppe von Kindern, die besondere fantastische Fähigkeiten besitzen. Genau gleichzeitig mit ihm wird allerdings noch ein zweiter Junge namens Shiva geboren. Die beiden werden im Kreißsaal von einer christlichen Schwester vertauscht. Saleem wächst als Sohn einer reichen muslimischen Familie auf, Shiva als Sohn eines bettelarmen Hindu. Ihr beider Schicksal verknüpft sich in Folge mit dem des indischen Subkontinents, der bald darauf in Indien und Pakistan, und später Bangladesh zerbricht.

Deepa Mehta versucht sowohl die Komplexität der Geschichte als auch ihre humorvolle Magie ins Filmische zu übersetzen. Bis zu einem gewissen Grad gelingt ihr das auch. Der Umfang und die schiere Zahl der Figuren ist jedoch eine Herausforderung, die der Film trotz der Länge von 146 Minuten nicht gänzlich in den Griff bekommt – zumindest für westliche Maßstäbe. Der Film orientiert sich nämlich durchaus auch an Bollywood mit seinen prallgefüllten Großproduktionen, in denen alle Genres bunt durcheinanderwirbeln und die dick aufgetragenden Emotionen im Vordergrund stehen. “Mitternachtskinder” ist ein Hybrid-Film, der mit seinem moderaten Kitschfaktor die Kulturgrenzen überwindet. So gibt es zwar viel Musik, aber keine wirklichen Musical-Szenen, viel Action und Romantik, die aber nicht bis zur Lächerlichkeit übersteigert werden, und durch die politische Thematik hat der Film durchaus eine gewisse Ernsthaftigkeit. Wer genügend Sitzleder mitbringt, bekommt ein buntes, schnell und humorvoll erzähltes Indien-Epos serviert.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 4.4.2013]

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März 22, 2013

Verrückte Silberstreifen am Horizont – Review SILVER LININGS PLAYBOOK

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 23:59
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“Silver Linings Playbook (Il lato positivo)” ist einer der verücktesten Filme des vergangenen Jahres und einer der kraftvollsten. Es geht darin um Pat, der gerade aus der psychiatrischen Behandlung entlassen wurde. Er ist manisch-depressiv und rastete aus, als er seine Frau mit einem anderen Mann erwischte. Nun versucht er sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Wer bei dieser Ausgangslage ein tragisches Drama erwartet liegt aber falsch. “Silver Linings Playbook” ist im Grunde eine schnelle, überdrehte Romanze bei der die ernsten Untertöne lässig nebenbei anklingen und von einem netten Soundtrack begleitet werden. Pat zieht wieder bei seinen Eltern ein und will seine Ex-Frau zurückerobern. Robert DeNiro glänzt als Football-besessener, abergläubischer Vater. Bei einem Essen mit Freunden lernt er die emotional instabile Witwe Tiffany kennen. Zunächst eher genervt voneinander, finden diese beiden gebrochenen Figuren dann zunächst als Freunde zueinander. Tiffany überredet Pat mit ihr für einem Tanz-Wettbewerb zu trainieren; im Gegenzug soll sie seiner Frau Briefe übergeben. Jennifer Lawrence gewann für ihre Interpretation der Tiffany verdient den einzigen Oscar der 8 Nominierungen des Films. Ihr Spiel ist außerordentlich stark und zugleich anziehend und unzugänglich. Zusammen mit Bradley Cooper (eher bekannt aus den “Hangover” Filmen) erzeugt sie eine ungewöhnliche Energie, die sich erst langsam in Richtung Romantik bewegt. Höhepunkt der Story ist – wie könnte es anders sein – der Tanzwettbewerb. Pats Vater hat eine Doppelwette auf den Erfolg der beiden und auf ein Football-Spiel abgeschlossen und Pats Exfrau ist auch anwesend.

 

Was “Silver Linings Playbook” zu einem so ungewöhnlichen Film macht, ist die Mischung völlig unkonventioneller Zutaten und die Intensität dieser Mischung, die genauso schnell die Stimmung wechselt wie der finale Tanz. Eingefangen durch eine Kamera, die ebenso unruhig ist wie die Charaktere. Zum Beispiel in der Szene als Tiffany Pat beim Joggen verfolgt und sie sich gegenseitig ihre Verrücktheit an den Kopf werfen. Es sind Gegensätze, die einen ganz eigenen Charme erzeugen: das Setting im bekannt-friedlichen Vorstadt-Amerika mit seinen Einfamilienhäusern, in denen nur normale, glückliche, erfolgreiche Menschen wohnen sollten. Tanzen und Football. Die Liebe zweier Menschen, die mit sich selbst kämpfen. Die Liebe muss eben nicht immer kitschig sein.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 22.3.2013]

Februar 27, 2013

Austria goes Hollywood – Oscars 2013

Filed under: Film,Film Festival,Journalistisches — Marian W @ 14:10
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Die Gewinner der Oscars 2013

Die Oscars sind kein Schirennen. Der Medaillienspiegel ‘für Österreich’ schaut dennoch nicht schlecht aus. Christoph Waltz holt überraschend zum zweiten Mal den Nebenrollen-Oscar, Michael Haneke wenig überraschend den Auslands-Oscar. In den anderen Kategorien – Bester Film, bestes Original-Drehbuch, beste Regie und beste Schauspielerin – musste sich Hanekes französisch-sprachiges Alterswerk “Amour” jedoch würdigen Mitnominierten geschlagen geben. Die Vorauswahl für die von den etwa 6000 Academy-Mitgliedern geheim gewählten Gewinnern war heuer so stark wie selten gewesen. Den Oscar für den besten Film des vergangenen Jahres gewann der zuletzt favorisierte Film “Argo” von Ben Affleck. Der Agenten-Thriller ist die Verfilmung einer wahren Geschichte über eine Befreiungsaktion aus dem Iran mit Hilfe eines vorgetäuschten Filmprojekts und schaffte es geschickt eine politische Story mit einem Film-im-Film-Motiv zu verbinden. Affleck selbst war nicht in der Regie-Kategorie nominiert gewesen. Den Regie-Preis holte sich Ang Lee für “Life of Pi”, der damit nach “Brokeback Mountain” bereits seinen zweiten Oscar mit nach Hause nehmen darf. Außerseiter Benh Zeitlin ging mit seinem magischen Realismus in “Beasts of the Southern Wild” leer aus. “Life of Pi” holte sich auch wie erwartet die Preise in den ‘visuellen’ Kategorien für Kamera und Effekte – nicht unverdient angesichts der fantasievollen 3D-”Überwältigungskinos”, wie es der vor zwei Jahren nominierte Tiroler Kameramann Christian Berger nannte.

Die Schauspieler und Schauspielerinnen hatten es heuer besonders schwer. Bei den männlichen Nebendarstellern waren alle Nominierten schon Oscar-Preisträger, darunter Schauspielgrößen wie Robert DeNiro (für die Rolle des schrulligen Vaters in “Silver Linings Playbook”), Tommy Lee Jones (für den Sklaverei-Gegner in “Lincoln”) oder Alan Arkin (für einen Hollywood-Produzenten in “Argo”). Auch Philip Seymour Hoffman in “The Master” hatte sich mit einer beeindruckenden Performance in der Rolle eines Sekten-Gurus qualifiziert. Dass Christoph Waltz alias Dr. King Schultz in “Django Unchained” nun erneut gewinnt, zeigt, dass der Österreicher mittlerweile voll in Hollywood angekommen ist. Bei den Frauen wurde Anne Hathaway wenig überraschend für die Herausforderung ihrer Musical-Rolle in “Les Miserables” geehrt. Emmanuelle Riva war an ihrem Geburtstag der sehr interessanten Darstellung von Jennifer Lawrence in “Silver Linings Playbook” unterlegen, die ihr in ihrer Dankesrede prompt zum Geburtstag gratulierte. Daniel Day-Lewis holte sich wie geplant seinen dritten Oscar für seine beeindruckende Verkörperung von Abraham Lincoln ab. Day-Lewis schien vorbereitet und scherzte, dass Meryl Streep, die ihm den Preis überreichte, eigentlich die erste Wahl für die Rolle gewesen sei und dass er Regisseur Steven Spielberg davon überzeugen konnte, “Lincoln” nicht als Musical zu drehen. Seine Rede, in der er Autor Tony Kushner, Steven Spielberg und dem Geist Lincolns dankte, war somit die einzig interessante unter ansonsten recht unspektakulären Namensnennungsansprachen.
Moderator Seth McFarlane, sonst für seine spitze Zunge bekannt, war in seinen Witzen eher zahm. Insgesamt wurde die Show von vielen Musik-Einlagen dominiert, darunter die mit ihrem Song aus dem Bond-Film “Skyfall” ausgezeichnete Adele. James Bond wurde im 50. Jubiläumsjahr ein Tribute gewidmet. Die Überraschungseinlage war die Präsentatorin des Oscars für den besten Film: First Lady Michelle Obama höchstpersönlich verkündete in einer Videobotschaft aus dem Weißen Haus den Gewinner “Argo”.

Christoph Waltz

Es ist eine Ironie der Filmgeschichte, dass Michael Haneke und Christoph Waltz den selben Stiefvater haben. Der erfolgreichste österreichische Schauspiel-Export der jüngeren Geschichte wird nicht müde zu betonen, wem er diesen Durchbruch in Übersee nach so vielen Jahren der Fernseharbeit verdankt. Erst mit der Rolle in Tarantinos “Inglorious Basterds” schaffte der heute 56-Jährige den Sprung. Studiert hat Waltz an zwei renommierten Schauspiel-Schulen: dem Max-Reinhard-Seminar in Wien und dem Lee Strasberg Institute in New York. Den österreichischen Pass erhielt Waltz allerdings erst 2010; zuvor war er, obwohl in Wien aufgewachsen, durch seinen Vater deutscher Staatsbürger gewesen.
In diesem Jahr wird Waltz übrigens noch Michael Gorbatschow verkörpern. Waltz hat vier Kinder aus zwei Ehen und lebt mittlerweile neben Berlin auch in Los Angeles.

Michael Haneke

Auf die Wichtigkeit des Oscars angesprochen, meinte Michael Haneke, die goldene Palme in Cannes sei künstlerisch sicher der wichtigere Preis, aber den Oscar kenne eben “jeder Bauer in Afghanistan”. Der in München geborene und in Wien aufgewachsene Altmeister hat also durchaus einen pragmatischen Zugang zu den vielen Preisen, mit denen er dieser Tage überhäuft wird: Sie würden ihm die Finanzierung des nächsten Projektes erleichtern. Was das sein wird und wo er es realisieren wird, ist noch völlig offen.
Haneke begann seine Karriere in Österreich mit Theater- & Fernseharbeiten, wo er 1989 mit “Der siebente Kontinent” zum Kino wechselte. Zusammen mit den beiden folgenden Filmen “Benny’s Video” und “71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls” sind sie als Trilogie der “Vergletscherung der Seele” bekannt geworden. 1997 drehte Haneke mit “Funny Games” seinen letzten Film in Österreich. Seitdem arbeitet der Meister in Frankreich und realisierte dort vielfach prämierte Filme wie “Caché” oder die Jelinek-Verfilmung “Die Klavierspielerin”. Für sein ebenfalls Oscar-nominiertes Epos “Das Weiße Band” zog es ihn 2009 nach Deutschland. Zwei Jahre zuvor hatte er in Amerika ein Remake von “Funny Games” gedreht. Auch die Franzosen wissen ihren Haneke zu schätzen: Vergangenes Jahr wurde er dort Ritter der französischen Ehrenlegion. Einen Tag vor den Oscars erhielt er nicht nur den französischen Filmpreis César, sondern feierte in Abwesenheit auch die Premiere seiner Inszenierung Cosi fan Tutte an der Madrider Oper. Haneke ist verheiratet und Vater.

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Di 19.2.2013]

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