Marian Williams – blog:kaatibun movies and more

Februar 27, 2013

Austria goes Hollywood – Oscars 2013

Filed under: Film,Film Festival,Journalistisches — Marian W @ 14:10
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Die Gewinner der Oscars 2013

Die Oscars sind kein Schirennen. Der Medaillienspiegel ‘für Österreich’ schaut dennoch nicht schlecht aus. Christoph Waltz holt überraschend zum zweiten Mal den Nebenrollen-Oscar, Michael Haneke wenig überraschend den Auslands-Oscar. In den anderen Kategorien – Bester Film, bestes Original-Drehbuch, beste Regie und beste Schauspielerin – musste sich Hanekes französisch-sprachiges Alterswerk “Amour” jedoch würdigen Mitnominierten geschlagen geben. Die Vorauswahl für die von den etwa 6000 Academy-Mitgliedern geheim gewählten Gewinnern war heuer so stark wie selten gewesen. Den Oscar für den besten Film des vergangenen Jahres gewann der zuletzt favorisierte Film “Argo” von Ben Affleck. Der Agenten-Thriller ist die Verfilmung einer wahren Geschichte über eine Befreiungsaktion aus dem Iran mit Hilfe eines vorgetäuschten Filmprojekts und schaffte es geschickt eine politische Story mit einem Film-im-Film-Motiv zu verbinden. Affleck selbst war nicht in der Regie-Kategorie nominiert gewesen. Den Regie-Preis holte sich Ang Lee für “Life of Pi”, der damit nach “Brokeback Mountain” bereits seinen zweiten Oscar mit nach Hause nehmen darf. Außerseiter Benh Zeitlin ging mit seinem magischen Realismus in “Beasts of the Southern Wild” leer aus. “Life of Pi” holte sich auch wie erwartet die Preise in den ‘visuellen’ Kategorien für Kamera und Effekte – nicht unverdient angesichts der fantasievollen 3D-”Überwältigungskinos”, wie es der vor zwei Jahren nominierte Tiroler Kameramann Christian Berger nannte.

Die Schauspieler und Schauspielerinnen hatten es heuer besonders schwer. Bei den männlichen Nebendarstellern waren alle Nominierten schon Oscar-Preisträger, darunter Schauspielgrößen wie Robert DeNiro (für die Rolle des schrulligen Vaters in “Silver Linings Playbook”), Tommy Lee Jones (für den Sklaverei-Gegner in “Lincoln”) oder Alan Arkin (für einen Hollywood-Produzenten in “Argo”). Auch Philip Seymour Hoffman in “The Master” hatte sich mit einer beeindruckenden Performance in der Rolle eines Sekten-Gurus qualifiziert. Dass Christoph Waltz alias Dr. King Schultz in “Django Unchained” nun erneut gewinnt, zeigt, dass der Österreicher mittlerweile voll in Hollywood angekommen ist. Bei den Frauen wurde Anne Hathaway wenig überraschend für die Herausforderung ihrer Musical-Rolle in “Les Miserables” geehrt. Emmanuelle Riva war an ihrem Geburtstag der sehr interessanten Darstellung von Jennifer Lawrence in “Silver Linings Playbook” unterlegen, die ihr in ihrer Dankesrede prompt zum Geburtstag gratulierte. Daniel Day-Lewis holte sich wie geplant seinen dritten Oscar für seine beeindruckende Verkörperung von Abraham Lincoln ab. Day-Lewis schien vorbereitet und scherzte, dass Meryl Streep, die ihm den Preis überreichte, eigentlich die erste Wahl für die Rolle gewesen sei und dass er Regisseur Steven Spielberg davon überzeugen konnte, “Lincoln” nicht als Musical zu drehen. Seine Rede, in der er Autor Tony Kushner, Steven Spielberg und dem Geist Lincolns dankte, war somit die einzig interessante unter ansonsten recht unspektakulären Namensnennungsansprachen.
Moderator Seth McFarlane, sonst für seine spitze Zunge bekannt, war in seinen Witzen eher zahm. Insgesamt wurde die Show von vielen Musik-Einlagen dominiert, darunter die mit ihrem Song aus dem Bond-Film “Skyfall” ausgezeichnete Adele. James Bond wurde im 50. Jubiläumsjahr ein Tribute gewidmet. Die Überraschungseinlage war die Präsentatorin des Oscars für den besten Film: First Lady Michelle Obama höchstpersönlich verkündete in einer Videobotschaft aus dem Weißen Haus den Gewinner “Argo”.

Christoph Waltz

Es ist eine Ironie der Filmgeschichte, dass Michael Haneke und Christoph Waltz den selben Stiefvater haben. Der erfolgreichste österreichische Schauspiel-Export der jüngeren Geschichte wird nicht müde zu betonen, wem er diesen Durchbruch in Übersee nach so vielen Jahren der Fernseharbeit verdankt. Erst mit der Rolle in Tarantinos “Inglorious Basterds” schaffte der heute 56-Jährige den Sprung. Studiert hat Waltz an zwei renommierten Schauspiel-Schulen: dem Max-Reinhard-Seminar in Wien und dem Lee Strasberg Institute in New York. Den österreichischen Pass erhielt Waltz allerdings erst 2010; zuvor war er, obwohl in Wien aufgewachsen, durch seinen Vater deutscher Staatsbürger gewesen.
In diesem Jahr wird Waltz übrigens noch Michael Gorbatschow verkörpern. Waltz hat vier Kinder aus zwei Ehen und lebt mittlerweile neben Berlin auch in Los Angeles.

Michael Haneke

Auf die Wichtigkeit des Oscars angesprochen, meinte Michael Haneke, die goldene Palme in Cannes sei künstlerisch sicher der wichtigere Preis, aber den Oscar kenne eben “jeder Bauer in Afghanistan”. Der in München geborene und in Wien aufgewachsene Altmeister hat also durchaus einen pragmatischen Zugang zu den vielen Preisen, mit denen er dieser Tage überhäuft wird: Sie würden ihm die Finanzierung des nächsten Projektes erleichtern. Was das sein wird und wo er es realisieren wird, ist noch völlig offen.
Haneke begann seine Karriere in Österreich mit Theater- & Fernseharbeiten, wo er 1989 mit “Der siebente Kontinent” zum Kino wechselte. Zusammen mit den beiden folgenden Filmen “Benny’s Video” und “71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls” sind sie als Trilogie der “Vergletscherung der Seele” bekannt geworden. 1997 drehte Haneke mit “Funny Games” seinen letzten Film in Österreich. Seitdem arbeitet der Meister in Frankreich und realisierte dort vielfach prämierte Filme wie “Caché” oder die Jelinek-Verfilmung “Die Klavierspielerin”. Für sein ebenfalls Oscar-nominiertes Epos “Das Weiße Band” zog es ihn 2009 nach Deutschland. Zwei Jahre zuvor hatte er in Amerika ein Remake von “Funny Games” gedreht. Auch die Franzosen wissen ihren Haneke zu schätzen: Vergangenes Jahr wurde er dort Ritter der französischen Ehrenlegion. Einen Tag vor den Oscars erhielt er nicht nur den französischen Filmpreis César, sondern feierte in Abwesenheit auch die Premiere seiner Inszenierung Cosi fan Tutte an der Madrider Oper. Haneke ist verheiratet und Vater.

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Di 19.2.2013]

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Februar 26, 2013

Berlinale 4: Die Bären sind vergeben (Abschlussbericht)

Die Bären sind vergeben
Gewinner und Verlierer der Berlinale 2013

Für Österreich erfüllte sich die Hoffnung auf einen Bären nicht. Ulrich Seidl gewann mit Paradies:Hoffnung keinen der begehrten Preise. Die Filmnation Frankreich, die drei der 19 Wettbewerbsfilme stellte ging ebenso leer aus wie der einzige Beitrag aus Deutschland. Auch in den Nebenschienen war für die Asyl-Doku “Die 727 Tage ohne Karamo” und zwei weitere Beiträge aus Österreich, sowie für Italien (heuer vorallem mit Kurzfilmen vertreten) die einzige Auszeichnung bei der 63. Berlinale dabei gewesen zu sein.

Beim Siegerfilm “Die Stellung des Kindes” handelt es sich um ein psychologisches Drama einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung in der Oberschicht. Wie weit geht man um sein Kind vor einer gerechten Strafe zu bewahren? Barbu, der erwachsene Sohn, fährt ein Kind tot und seine Mutter Cornelia versucht ihn mit Geld und Einfluss vor der Haft zu retten, ihn wieder einmal vor der eigenen Verantwortung zu bewahren. Das Thema Korruption wird geschickt in diese Geschichte eingeflochten, im Zentrum steht aber die maßlose Liebe der Mutter, die Unfähigkeit ihren Sohn loszulassen – also ein universelles Thema. Regisseur Călin Peter Netzer, der in Stuttgart aufwuchs und zur einer neuen Welle des rumänischen Kinos zählt, meinte, dass die Geschichte zwar von der Beziehung mit seiner eigenen Mutter inspiriert sei, aber auch viel Fiktion beinhalte “Der kleine Junge, der stirbt, steht für den Sohn, der symbolisch stirbt.” Netzer schafft es, gesellschaftliche Zustände in einem persönlichen Drama zu erzählen.
Das gilt auch für den Doppel-Gewinner “Eine Episode aus dem Leben eines Eisensammlers” aus Bosnien – jedoch aus der Perspektive der Armut. Oscar-Gewinner Danis Tanovic (“No Man’s Land”) erzählt hier nicht nur eine wahre Geschichte, sondern lässt eine Familie ihr eigenes Schicksal nachspielen: Die Roma-Familie kann sich eine lebensrettende Operation nach einer Fehlgeburt nicht leisten und die Ärzte weigern sich sie zu behandeln. Der Vater, der immer noch als Eisensammler arbeitet, erhielt dafür den Edelmetall-Bären als bester Schauspieler und erzählte, dass sich auch durch den Film an seiner Situation nicht viel geändert habe. Wie auch schon im Vorjahr ging damit ein Darstellerpreis an einen Laien. Regisseur Danis Tanovic hofft, dass er das nächste Mal mit einem weniger traurigen Film zurückkommen wird. Beide Filme wurden in relativ kurzer Zeit bzw. mit wenig Budget realisiert. Überhaupt konnten im Wettbewerb der 63. Berlinale gerade kleinere Filme die meisten Preise für sich verbuchen.

Weniger tragisch war der chilenische Film “Gloria”. Für die Darstellung der gleichnamigen Hauptfigur – einer frisch-geschiedenen 58-jährigen, die ihrem (Liebes)Leben noch einmal neuen Schwung verleiht – wurde Paulina García ausgezeichnet. “Einen filmischen Bossa Nova” wollte er machen, meinte Regisseur Sebastián Lelio. “Gloria” ist eine unterhaltsam-leichte Komödie, die in den Kinos durchaus ihr Publikum finden dürfte.

Daneben wurden unter anderem noch mehrere Gläserne Bären für die besten Kinder- & Jugendfilme verliehen, sowie die Teddy-Awards für die besten Filme zum Thema Homosexulaität (“In the Name of”, ein polnischer Film aus dem Wettbewerb über einen schwulen Priester).
In der Schiene “Panorama” gewann “The Act of Killing” von Joshua Oppenheimer. Der Film, der von Werner Herzog produziert wurde, zeigen (Massen)mörder Jahrzehnte nach ihren unfassbaren Taten und lässt sie ebendiese beschreiben und filmisch nachstellen – Film im Film über die Banalität des Bösen.

Die 63. Berlinale war insgesamt überaus breit gefächert. Im Wettbewerb waren sowohl qualitativ als auch thematisch sehr unterschiedliche Filme vertreten. Schlussendlich dominierte dieses Jahr starkes Kino aus postsowjetischen Ländern.

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Di 19.2.2013]

Berlinale 3: Jafar Panahi „Pardé“

Filed under: Film,Film Festival,Film Review — Marian W @ 23:50
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Geschlossener Vorhang
Jafar Panahis verbotener Film Pardé

Mit dem Film „Pardé – Closed Curtain“ ist der Berlinale und ihren Direktor Dieter Kosslick ein besonderer Coup gelungen. Es ist nämlich bereits der zweite Film, den der Iraner Jafar Panahi illegal gedreht und außer Landes gebracht hat. Panahi, der mit seinem Fussball-Film „Offside“ 2006 den Silbernen Bären in Berlin gewann, ist mit Hausarrest und einem Berufsverbot belegt. Natürlich passt diese Entstehungsgeschichte in den politischen Kontext des Atomkonfliktes, den der Westen mit dem Iran austrägt. Man kann annehmen, dass das Regime Panahi auch strenger überwachen und den Film verhindern hätte können. Dennoch: Es ist eine mutige Filmarbeit und die Konsequenzen, etwa einer Haftstrafe anstatt des Hausarrestes, sind nicht vorhersehbar.
Vor zwei Jahren wurde er bereits erfolglos in die Jury berufen und hatte in Cannes „Dies ist kein Film“ präsentiert, der angeblich auf einem USB-Stick in einem Kuchen versteckt aus dem Haus geschmuggelt worden war. Während dieser eine teils auf einem iPhone gedrehte intime Botschaft Panahis gewesen war, ist „Pardé“ mehr als ein Home Video aus dem Hausarrest. Mit einem Kameramann und Darstellern gedreht wird hier durchaus eine inszenierte gleichnishafte Geschichte erzählt bei der Panahis Haus zugleich Kulisse und Thema ist.

Gleich die erste lange Einstellung zeigt worum es geht: Ein Eisengitter stört die Sicht in die Tiefe auf den Strand. Dann steigt das Alter Ego Panahis aus einem Auto, kommt langsam näher und öffnet das Gitter. Doch kaum im Haus macht er sich daran die Fenster mit schwarzen Vorhängen zu verhängen und so die Außenwelt auszusperren. Anfänglich mit einem Hund alleine, bekommt er bald Besuch von einer rätselhaften Frau, die bei ihm Schutz sucht.
„Pardé“ lässt sich nicht unabhängig vom Schicksal des Regisseurs betrachten – und steht so gesehen in einer ungleichen Konkurrenz zu den anderen Wettbewerbsfilmen. Das Eingesperrtsein ist in jeder Szene sichtbar: Die Enge der Einstellungen im Haus, die Betonung der Fenster, Türen, Schlösser, die leicht bedrohlichen Andeutungen der Gefahr draußen – all das baut Panahi in seinen Film ein. Und im letzten Drittel tritt er dann auch selbst als Mr. Panahi auf und bricht die Geschichte der Figuren auf seine eigene herunter. „Pardé“ ist also mehr als ein fiktives Kammerspiel in einem Strandhaus. Er ist ein selbstreflexives Vexierspiel eines politisch Verfolgten, der die verbotene Kunst intelligent gegen die Politik wendet.

Panahi war übrigens vor dem Berlinale-Palast ein beliebtes Fotomotiv – als Pappfigur mit dem Aufdruck „Ich sollte hier sein“. Nur sein Koregisseur Partovi und seine Darstellerin Maryam Moghadam waren zur Premiere nach Berlin angereist. Der Regisseur selbst hatte – wie erwartet – keine Ausreiseerlaubnis bekommen – trotz einem offiziellen Protestschreiben der deutschen Filmakademie an den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad.
Darin heißt es unter anderem: „Es liegt uns fern, Sie über die Gesetze des Islam belehren zu wollen, aber gehört es nicht zum Grundbestand der Rechte eines jeden Muslims, aus beruflichen Gründen ohne Behinderung und Einschränkung zu reisen? Das Reiseverbot gegen Jafar Panahi widerspricht eklatant diesen Grundsätzen. Wir protestieren energisch gegen diesen Akt von Willkür! Die Geschichte zeigt, die Verbreitung von Ideen und künstlerischen Werken lässt sich behindern, aber nicht unterdrücken.“

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Sa/So 16./17.2.2013]

Berlinale 2: „Upstream Color“ (Zwischenbericht) + TPB AFK

Filed under: Film,Film Festival — Marian W @ 23:48
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Goldenen Western und wilde Farben
Berlinale-Zwischenbilanz

5 Festivaltage sind seit der Eröffnung vergangen. Im Wettbewerb war etwa der in der deutschen Presse hochgelobte deutsche Western „Gold“ mit Nina Hoss ein Fixpunkt oder das französiche Historiendrama „Die Nonne“ mit einer beeindruckenden Performance der Newcomerin Pauline Etienne. Glamour-Stars wechselten sich, wie sich das für ein europäisches Festival gehört, mit den weniger bekannten Filmkünstlern ab und manchmal fiel auch beides zusammen. Aus Amerika etwa Richard Linklater, der mit Julie Delphy und Ethan Hawke Teil drei seiner Romantik-Reihe „Before Midnight“ vorstellte, oder Steven Soderbergh seinen prominent besetzten Film „Side Effects“.

Die unübertroffene Perle war allerdings außerhalb des Wettbewerbs in der Panorama-Reihe zu finden. „Upstream Color“ von Shane Carruth („Primer“) war bereits bei seiner Erstaufführung am Sundance Festival hochgelobt worden und demensprechend sehnsüchtig wurde die internationale Premiere auf der Berlinale erwartet. Im Zentrum steht eine junge Frau, die sich nach einer sehr seltsamen Horror-Erfahrung nicht mehr erinnern kann, was mit ihr passiert ist. Sie wird von der atemberaubenden Amy Seimetz verkörpert, der bei der Viennale 2012 eine kleine Reihe als Regisseurin gewidmet war. Carruth selbst spielt einen Mann, dem das gleiche passiert ist und zusammen versuchen sie eine Lösung zu finden. Das wirklich beeindruckende ist aber die filmische Sprache mit der Carruth diese psychologisch-beklemmende, aber zugleich sehr poetische Beziehungsgeschichte erzählt: Mit einem genuin eigenen Stil in freien wilden Bewegungen und Schnitten, extrem nahem Einstellungen und einem faszinierendem Soundtrack erzeugt er einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Trotz diesem experimentellen, teilweise symbolischen Stil ist er als amerikanischer Filmemacher dramaturgisch spannend und immer nahe an den Figuren. Der Stil verkommt hier nicht zum Selbstszweck. Es ist offen, ob es „Upstream Color“ in die heimischen Kinos schafft. Merken sollte man sich den Namen auf jeden Fall.

[ursprünglich erschienen in ‚Die Dolomiten‘ Mittwoch 13.2.2013]

 

Berlinale Premiere für zu Hause

Wer schon immer einmal live bei einer Berlinale-Premiere dabei sein wollte, hat heute abend die Chance. Zum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale wird ein Film, der beim Festival seine Weltpremiere feiert, auch zeitgleich online zu sehen sein. Das hat mit dem Thema des Film zu tun, der den Titel “TPB AFK” trägt: Es geht darin nämlich um die berühmt-berüchtigte Filesharing-Plattform “The Pirate Bay”. AFK heißt “away from keyboard” und steht im Computerjargon für die Welt außerhalb des Internets. Diese Welt holt die drei jungen schwedischen Gründer der Internetseite in Form eines Millionen-Prozesses ein – sie sind zum Zeitpunkt der Premiere im Gefängnis bzw. gesucht. Filmemacher Simon Klose begleitet diesen Kampf David gegen Goliath und stellt sie uns vor. Der Film ist heute abend – übrigens völlig legal –  unter http://watch.TPBafk.tv zu sehen.

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Freitag 8.2.2013]

Berlinale 1: „The Grandmaster“ – Wong Kar-Wai

Filed under: Film,Film Festival,Film Review — Marian W @ 23:45
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Der Großmeister eröffnet die Berlinale

Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der 63. Berlinale wurde er abwechselnd als Kar Wai und Mister Wong angesprochen. So unsicher sich manche Europäer auch über seinen Namen sind, der Filmemacher mit der dunklen Sonnenbrille ist mittlerweile auch im Westen ein Starregisseur (siehe Porträt). Und dann reichen eben, wie bei Godard, auch schon mal die Initialen: WKW war schon 2006 in Cannes zum Oberhaupt der Jury bestellt worden und darf nun auch beim Berliner Winterfilmfest die Preisvergabe leiten. Mit seiner Jury will er vorallem „darüber sprechen, was wir an den Filmen mögen, nicht was wir schlecht finden“ und an die Preise denkt er zunächst einmal gar nicht: „Wir sind nicht dazu da Filme zu bewerten, sondern ihnen unsere Wertschätzung entgegen zu bringen.“ Spätestens am 17. Februar wird er sich mit seinen sechs Jurykollegen aber entscheiden müssen, wer die Bären mit nach Hause nehmen darf.

Sein eigener Film wurde, natürlich außer Konkurrenz, als Eröffnungsfilm des Festivals gezeigt. Die beiden Hauptdarsteller Tony Leung und Zhang Ziyi und Kameramann Philippe Le Sourd waren mit ihm nach Berlin gekommen um „The Grandmaster“ zu präsentieren. Es geht darin um den bedeutenden Kongfu-Meister Ip Man, der unter anderem Lehrer von Bruce Lee war. „Das Leben von Ip Man ist die Geschichte Chinas“, meint Wong Kar-Wai. Diese bildet aber lediglich den Hintergrund für eine opulente 2-stündige Martial-Arts-Show. Statt leichfüßiger Eleganz gibt es über weite Strecken überbetonte Coolness, die eher an Matrix erinnert als an die Poesie eines Wong Kar-Wai. Die etwas ausufernde Story rund um einen alten Meister, seine Tochter, seinen Nachfolger und einen bösen Gegenspieler wird dabei zwischen den Kämpfen in bedeutungsschwangeren Dialogen und Inserts mitgeliefert. Die Unterschiede der verschiedenen Kongfu-Stile des Nordens und des Südens bleiben einem Laien unzugänglich, die Kämpfe sind aber eindrucksvoll koreografiert: im Schnee, im Regen oder am Bahnhof, in schnellen, nahen Einstellungen und Slow-Motion. Man merkt, dass hier nicht Christopher Doyle die Kamera führte. Dennoch ist „The Grandmaster“ ein episches Lehrstück über Kampf-Kunst. „Martial Arts sind kein Sport, sie sind eine Waffe“, meint WKW. Ein Großmeister sei aber nicht nur ein guter Kämpfer. Es gehe ihm um den universellen Ethos, der Kongfu zu Grunde liegt: Disziplin und Bescheidenheit.

Porträt
Wong Kar-Wai: der Mann hinter der Sonnenbrille

Die Filmografie des 1956 geborenen HongKong-Chinesen ist ebenso überschaubar wie hochkarätig: 1988 realisierte er mit dem brutalen Gangsterdrama „As Tears Go By“ seinen ersten Spielfilm. Davor hatte er als Assistent und Drehbuchautor Erfahrung gesammelt. Bereits mit dem melancholisch-anarchischen „Days of Being Wild“ (1990) wurde er im Ausland ein Begriff und mit der energiegeladenen HongKong-Hommage „Chungking Express“ (1994) gelang ihm endgültig der internationale Durchbruch. Den Film drehte er im Guerillia-Stil mitten in der ermüdenden Schnittphase seines bildgewaltigen Wüsten-Schwertkampfepos „Ashes of Time“ (1994). 1995 drehte Wong Kar-Wai den harten dunklen Actioner „Falling Angels“. Mit „Happy Together“ (1997) folgte ein einfühlsam-wildes tragisches Liebesdrama über zwei Chinesen in Buenos Aires. Seinem wohl bekanntesten Film „In The Mood For Love“ (2000) folgte mit „2046“ vier Jahre später eine Fortsetzung. Vor seinem Berlinale-Beitrag „The Grandmaster“ (2012) machte er noch eine zuckersüß-bunte Entdeckungsreise durch die USA, wo er mit Norah Jones das romantische Road Movie „My Blueberry Nights“ (2007) realisierte.

Der herausragende australisch-chinesiche Kameramann Christopher Doyle war bei acht seiner Filme für die ganz eigene bunt-poetische Bildästhetik verantwortlich. Sieben mal mit dabei war sein Lieblingsschauspieler Tony Leung, der auch die Titelrolle in Wong Kar-Wais neuestem Film übernahm.
Quentin Tarantino ist übrigens ein großer Wong Kar-Wai Fan und brachte seine Filme im Westen auf DVD heraus.

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Sa./So 9./10.2.2013]

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