Marian Williams – blog:kaatibun movies and more

April 26, 2010

Notes on ‚Waltz with Bashir‘

- image from: LightDocuments.Files.Wordpress.com

In → Ari Folman’s Waltz with Bashir geht es nicht um den → Libanon-Krieg, sondern nur – nein, vielmehr – um die Erinnerung daran. Das ist von der ersten Szene an klar. Die Rahmung der Narration mittels Rückblenden bzw. als Recherche-Reise in die eigene Vergangenheit des jetzigen Filmemachers im Libanon wird zur exemplarischen Reflexion über die Transformationen, die die Zeit dem kollektiven wie auch der individuellen Erinnern aufzwingt. „Es geht nicht um historische Fakten, sondern um ihre Spuren in der Seele“ (Diedrich Diederichsen, DIE ZEIT). Nicht zufällig wurde eine (Alb)Traum-Sequenz als Einstieg gewählt – der Albtraum als Ausdruck eines Traumas ist ja eine Erinnerung wider Willen – und auch die anderen flashbacks zeugen nicht von einem „idealen“ fotografischen Gedächtnis der Charaktere.

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Es wäre deshalb falsch dem Film zu unterstellen, er mache das, was → Susan Sontag als „to dismiss politics“ bei vielen Repräsentationen des Krieges kritisiert, da er den Krieg als solchen, als „Zivilisationsbruch“ schlechthin behandelt, oder wie Diederichsen meint „beim vorpolitischen Moment des pazifistischen Entsetzens“ [stehen]bleibe. Waltz with Bashir handelt von und spielt – virtuos – auf der Meta-Ebene seines scheinbaren vordergründigen Themas.
Die Dissoziierung der Soldaten von der nackten Brutalität des real existierenden Krieges und den Folgen ihrer Taten, mittels Rock-Musik, Drogen und Kriegs-Spiel-Spaß, → erinnert an das kürzlich unter dem Titel Collateral Murder bekannt gewordene Video von US-HelicopterPiloten im Irak; Auch darin wird der technisierte assymetrische Krieg zum scheinbar sauberen, zynischen Kriegs-Spiel:
Lt. Col. Dave Grossman, a former Army Ranger and author of the book “On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society” says that to detach oneself from the bloody reality of killing is necessary in order to function in a war: “Military training is fundamentally an exercise in overcoming a fear of killing another human” and, as the → New York Times adds, “many veterans have made the point that fighters cannot do their jobs without creating psychological distance from the enemy. One reason that the soldiers seemed as if they were playing a video game is that, in a morbid but necessary sense, they were.
Die post-trauma Expertin im Film, Prof. Zahava Solomon, erklärt die psycho-mnemonischen Bewältigungs-Strategien ähnlich: „Er betrachtete das Geschehen einfach wie durch das Auge einer imaginären Kamera. Aber eines Tages geschah etwas und diese Kamera zerbrach.“ Und um das Zerbrechen zu bewältigen, produziert sich „das Gehirn“ sein vorläufiges Vergessen, verdrängt die Bilder der zerbrochenen Kamera irgendwohin, von wo sie erst Jahre später wieder hervor-getriggert werden und ihr Recht auf Reflexion einfordern – was ja der Ausgangspunkt für Ari Folman’s Waltz ist.
Die Distanz des bewussten (Wieder)Erinnerns soll nun eine moralisch ‚einwandfreie(re)‘ Einschätzung des Geschehenen bringen; doch als Basis dafür fehlt dem filmischen Ari Folmann die Unmittelbarkeit der (visuellen) Gedächtnis-Inhalte. Der rationell-reflexive Zugang ist erschwert, fast verunmöglicht, und muss sich erst äußerst mühsam und indirekt ein fragmentarisches Gesamt-Bild zusammenbasteln (im Sinne der „→ bricolage„). Und gerade dieses Abmühen eine wahrere Wahrheit aus verschiedenen Subjektivitäten zu konstruieren ist der rote Faden von Waltz with Bashir. Wie die Erläuterung zu einem wissenschaftlichen Versuch mit Kindheits-Fotos im Film beweist, ist sich Ari Folman der komplizierten kognitiven Prozesse des Erinnerns und der Vergangenheits-Konstruktionen voll bewusst. „Keiner von denen hat auch nur eine einzige echte [!] Erinnerung!„, sagt ein Charakter im Film, „Aber es ist doch die Realität„, versucht ein anderer die retrospektive Objektivität zu retten.

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Stilitisch findet dieses postmoderne Eingeständnis der Unzulänglickeit und Gefährlichkeit des unreflektierten Erinnerns seine Entsprechung in der „Comic-spezifische[n] Attraktion der vereindeutigenden Kontur“ der Gattung Comic. Die Genre-mäßige Einordnung in die Film-Landschaft erweist sich allerdings als äußerst schwierig, da die ihre Künstlichkeit verdeutlichenden gezeichneten oder animierten Filme hierzulande allermeistens – noch! –  auf’s Kinderpublikum beschränkt sind und dem Dokumentarischen der befragten talking heads diametral gegenübersteht, scheinbar; symptomtisch dafür sind auch die Unsicherheiten bei der Nominierung für die Oscars 2009, bei denen der Film schlussendlich weder für Best Animated Picture noch für Best Documentary Feature, sondern als erste Animation überhaupt für Best Foreign Language Film nominiert wurde.

Diedrich Diederichsen schreibt in seiner Rezension „Kampf im Kopf„:

Den Einwand, dass auch kritische Kriegsfilme, die mit Empathie und Identifikationsangeboten arbeiten, für den Krieg werben, indem sie ihn als Bühne und Kulisse für Leben und Entwicklung zeichnen und eine falsche Darstellbarkeit [!] suggerieren, nimmt Waltz With Bashir ernst. Er versucht nicht zu zeigen, wie es war, sondern dass man aus gutem Grund nicht mehr genau weiß, wie es war. Zugleich versucht er, Bilder zu liefern für die Rekonstruktion einer erträglichen und der Verarbeitung produktiven Erinnerung. Es sind keine Bilder, die etwas erklären und formulieren, sondern die zeigen sollen, wie innere Bilder, Erinnerungsbilder überhaupt zustande kommen.“ (DIE ZEIT, 6.11.2008 / Nr. 46)


Sogar der professionell-mediale Beobachter, der Reporter → Ron Ben-Yishai von dem die „realen“ Filmbilder am Schluss stammen, behilft sich mit einem Vergleich um das „unbeschreibliche [!] Chaos„, das er wahr-genommen und abgefilmt und berichtet hat zu ordnen: „Du kennst vielleicht auch dieses Bild aus dem Warschauer Ghetto. […] Genauso wie auf diesem Bild sah dieser lange Zug aus„. Der Holocaust-Vergleich kommt nicht von ungefähr: wie Diederichsen erklärt, verfolgen die traumatischen Erinnerungs-Lücken bzw. „die an ihre Stelle getretene Deckerinnerung einen Zweck. Folmans Eltern waren in Auschwitz, er selber wirft sich unbewusst vor, durch seinen Einsatz in der Nähe von Sabra und Schatila zum Nazi geworden zu sein.“ Und so meint auch einer von Folman’s Freunden gegen Ende des Films: „Du warst jung, erst 19, und fühltest dich schuldig. Du musstest die Rolle des Nazis übernehmen.
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Am Ende gelangt der Protagonist mit Hilfe seines Freundes zu der Einsicht, dass er als Beobachter des Massakers auch Anteil an der Schuld hat:
Und in welchem Kreis warst Du?“ – „Ich war entweder im 2. oder im 3.“ […] „Was habt ihr gemacht?“ […] „Ist das wichtig? Ist es nicht absolut egal ob ich sie abgefeuert hab, oder ob ich nur die vielen Lichter gesehen habe, die beim Erschießen geholfen haben?“ „Du bist der Meinung damals als das geschah gab’s da überhaupt keinen Unterschied. Ich glaube an das Massaker erinnerst du dich nicht, weil nach deiner Meinung, die Kreis der Mörder und der anderen, die drumherum waren ein und derselbe Kreis sind.
Diedrich Diederichsen abschließend:
Krieg, das weiß Folman, ist nicht repräsentierbar, und deswegen kann man ihn nicht in einer individuellen Geschichte unterbringen. Aber man kann doch Bilder davon machen und konkret davon erzählen – wenn man die Abstraktion, die jedem Bildermachen zugrunde liegt, nicht hinter dem unmarkierten Realismus der Spielfilmfotografie versteckt.

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→ Diederichsen, Diedrich: Kampf im Kopf. In: DIE ZEIT, 6.11.2008 / Nr. 46
Waltz with Bashir on IMDB
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Januar 7, 2010

zur Zeit

 

„I happen to hate New Year’s celebrations. Everybody desperate to have fun. Trying to celebrate in some pathetic little way. Celebrate what? A step closer to the grave?“
– Boris Yellnikoff in Woody Allen’s Whatever Works

Eigentlich würde sich ja an dieser Stelle irgendeine Chronologie der vergangenen Ereignisse, ein Jahres-Rückblick oder gar ein für mich unmöglicher Dekaden-Vergleich anbieten, fast aufdrängen. Aber 1. gib’s davon ja nun wirklich schon genug und 2. soll das ja kein Ereignisse listender und GeschmacksUrteile abgebender (intimer) TageBuch-blog sein (siehe allererster post). Ich will mich auch nicht über solche Retrospektiven – negativ oder sonstwie – wiederkäuend auslassen. Deshalb einige Gedanken allgemeinerer Natur…
Die Frage ist hier eher mehr ‚meta‚ [und diesesmal, wohl auf Grund der feiertäglichen Behäbigkeit aus der dieser post entstanden ist, auch eher theoretisierend, unkonkret und unprovokant – man möge mir verzeihen oder auch nicht, egal. das nexte Mal wird’s wieder weniger ‚akademisch’…]

 

Anyways; Eine Reflexion zur Ausgangs-Frage – Was für eine Funktion haben solche allgemeinen Rückblicke, solche kollektiven Termine des Übergangs in eine neue Zeit denn? Warum reflektiert und zelebriert das öffentlich-gesellschaftliche man die Umstellung auf eine neue Jahreszahl am Kalender? – ein theoretisches AntwortSpiel darauf liegt wohl in der immer stärkeren Emanzipation der kulturellen Zeit von ‚der‘ (nicht näher differenzierten) natürlichen Zeit-Struktur; und der Jahres-Wechsel ist so gesehen eine Versicherung, ein rituelle Bestätigung der selbst-geschaffenen Strukturen. Ganz abgesehen, ist es eine der wenigen säkulären Gelegenheiten für die Gesellschaft, etwas zu zelebrieren und hat damit heutzutage vllt eine universellere Gültigkeit.
In vormodernen Gesellschaften war die Einteilung der Zeit in allen Bereichen noch sehr viel stärker an einen nicht-menschlichen Referenten in der Natur gebunden. Die Astronomie war die Wissenschaft von der Zeit; die daraus gewonnene Macht und auch die Verantwortlichkeit gegenüber der Zeit war dann vornehmlich Sache der religiösen Reflexion – also war die Struktur der Zeit noch transzendent. (Das in den westlichen Kulturen nur mehr in seinen Rückständen bis heute bestehende Primat der Religion über die Zeit-Strukturierung wird ja an den Feiertagen sichtbar. So soll ja auch Weihnachten einmal ein religiöses Fest gewesen sein…)
Der zivilisatorische Fortschritt, als Verringerung der unmittelbaren Abhängigkeit von Natur, bedeutete eine Verselbstständigung der Strukturierung menschlicher Zeit. (sowohl in der Jahres- als auch in der Tages-Zeit, was im Konkreten auch nicht uninteressant ist, z.B.: die Nacht als (zusätzliche) aktive ‚Tages‘-Zeit)

Als Produkt und Teil der Kultur(en) ist die Zeit bzw. ihre Strukturierung natürlich Wandlungen unterworfen.
Joseph Vogel und Alexander Kluge haben dazu in einem Interiew einiges gescheites gesagt; Sie haben u.a. 2 größere Wende-Punkte in der ‚Geschichte der Zeit‘, 2 Phasen der „Globaliserung der Zeit“ festgestellt:

Die 1. Globalisierung ist eine Standardisierung, eine intersubjektive Vereinheitlichung von Zeiten zu einer mainstream Zeit, symbolisiert durch die Greenwich mean time. Diese Vereinheitlichung ist eine Folge der vorallem in der Moderne, in mehreren Phasen verlaufenden räumlichen Globalisierung (um 1900 hat diese erste Phase ihren End- oder Höhe-Punkt erreicht). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für eine einheitliche Zeit; der Mensch hat sich damit einen eigenen einheitlich-eingeteilten zeitlichen Anker geschaffen; und von dieser Zeit-Rechnung aus werden dann auch die sich in die kleinsten und größten Zeit-Strukturen (Erd-, Menschheits- oder Evolutions-Geschichte // Atom-Physik oder Kognitions- & Neuro-Wissenschaft) erweitenden Wissenschaften betrachtet.
Die Folge ist die Möglichkeit eines individuellen Abfallens von dieser allgemeinen Zeit, das Entstehen einer klaren Trennung, die situative Differenzierung in eine innere und eine äußere Zeit, ein klar unterschiedenes Verhältnis zum ‚HauptStrom‘ der Zeit. Das allein sagt aber noch nichts über das Tempo dieser äußeren & inneren Zeit aus.

Die 2. Globalisierung der Zeit als Weiterführung der 1. ist das Entstehen einer gesellschaftlichen Gleichzeitigkeit, eines Verzögerungs-losen Austauschs durch die (elektronische) Aufhebung der räumlichen Distanzen in vielen Diskurs-Bereichen; Der Raum hat sich nun noch radikaler von der Zeit losgelöst (wogegen in den Vormodernen räumliche Dimensionen noch in zeitlichen Ketegorien wie Tages-Märschen und Wegstunden begriffen wurden)
D.h. der Diskurs bewegt sich nun in einer Geschwindigkeit durch den Raum, der das Zeit-Minimum der menschlichen Wahrnehmung unterschreitet – also eine sogenannten „Echt“-Zeit darstellt (ein interessantes Beispiel aus der Computer-Welt, fast schon eine Metapher dafür, ist der Schritt vom rundenbasierten Strategie-Spiel zum EchtZeit-StrategieSpiel zum „transsubjektiven“  24h-Online-Spiel).
Die Zeit ist jetzt nicht mehr der große Strom (der Historie o.ä. wie im 19. Jhdt.), oder der allgemeine Zeit-Strahl, sondern die Zeit verläuft gewissermaßen parallel, in „Bündeln“, wie Joseph Vogel sagt, was vllt schwer vorzustellen ist. Das spätmoderne Zeit-Gefühl ist eines der Gleichzeitigkeit und der spätmoderne Mensch ist Produkt und Manager dieser ‚fraktionierten‘ Existenz(en).

Das Verhältnis zur mainstream time, zur äußeren Zeit, dieses Aueinanderklaffen in eine Ich-Zeit und eine Man-Zeit, ist also eine Relation des Tempos, in dem sich die einzelnen ‚Fraktionen‘ bewegen. Damit ist also weniger das subjektive Erleben der Zeit gemeint, (die gefühlte Ewigkeit, die gefühlte Dauer und Plötzlichkeit von Ereignissen); das ist eher die Qualität der Zeit, auf einer höheren Ebene.
Die absichtliche Erzeugung einer solchen Differenz heißt dann mit pädagoisch-pathetischem Gestus „Entschleunigung“ – in dieser Formulierung, weil die Verlangsamung vllt grundsätzlich als verschwenderischer Gegenspieler einer Zeit-Ökonomie eher schlecht konnotiert ist und an Produktivitäts-Rückgang, Stagnation, Rezession, Stillstand und an solche, in ihrer Negativität, aus der ökonomischen Terminologie in die allgemeine ausgreifende Begrifflichkeiten gemahnt; und vllt auch, in einem psychologisierenden Verständnis, schon an das Alter und das was darauf folgt.
Manche – „Lebensberater“ & „SelbstHilfe“-Ratgeber – meinen in diesen entschleunigten Zeit-Abläufen finde man „sich selbst“, besser als in der schnellen Kollektiv-Zeit (was im übrigen eine keineswegs sichere Behauptung ist, selbst wenn man von einem „Selbst“ ausgeht). Abschließend aber gilt – banal gesprochen – sowieso: man wird ein anderes Ich finden, wenn man woanders sucht; vllt eines, das sich selbst bewusster ist, vielleicht… – ob so ein reflektierteres Selbst von vornherein und unter’m Strich besser ist? Who knows… Das ist Geschmackssache und persönliche Lebens-Haltung und um die geht’s ja hier nicht; diesmal nicht & nicht auf dem Level.

 

Ergänzung: Dieser nette Artikel (in der zum Thema passenden Zeitung) befasst sich genau mit dem letzten, alltags-relevanten Punkt, dem persönlichen Umgang mit der „Beschleunigungs-Gesellschaft“ wie das so schön heißt, oder dem Stress-Pegel im „Hamster-Rad„, wenn man’s polemischer verstehen will, und der Bedeutung des GegenBegriffs: der Muße bzw. des Müßiggehens, der „inneren Ruhe“ nach der wir uns angeblich (?) sehnen und in dem das (ein!) Ideal des „erfüllten Lebens“ versteckt liege.

Paradoxerweise […] strengt uns nämlich gerade das an, was eigentlich als Glücksversprechen gedacht ist: die schier unendliche Vervielfältigung der Möglichkeiten.“ – heißt es da über die MultiOptions-Gesellschaft.

Der Ausweg liegt für den Zeit-Soziologen Hartmut Rosa in der „Odysseus-Strategie: Man fesselt sich selbst, um den Sirenengesängen der unendlichen Möglichkeiten nicht zu verfallen.“ also im teilweisen (für eine gewisse Zeit beziehungsweise mit einen Teil seiner Selbst) Aussteigen aus der mainstream-Zeit und der bewussten Reduktion der „Erlebnisdichte pro Zeiteinheit“.
Und: Die Wirtschafts-Krise sei übrigens als ein „Beschleunigungsunfall“ zu verstehen. /agree

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