Marian Williams – blog:kaatibun movies and more

April 4, 2013

Indiens magische Mitternachtskinder – Review MIDNIGHT’S CHILDREN

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 23:59
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Salman Rushdie ist vor allem für ein Buch bekannt: “Die Satanischen Verse” brachten ihm 1989 Blasphemie-Vorwürfe, ein Millionen-Kopfgeld und ein Leben im Untergrund ein. Übersetzer wurden ermordet und die Meinungsfreiheit so heftig diskutiert wie selten. Rushdie hatte allerdings schon Anfang der 80er Jahre einen allseits beachteten Roman namens “Mitternachtskinder” geschrieben. Dieser wurde nun von der kanadisch-indischen Regisseurin Deepa Mehta verfilmt.

Die Geschichte setzt nach einer Vorgeschichte der Familie mit der Unabhängigkeit Indiens im August 1947 ein. Das ist auch das große Thema von Rushdies postkolonialem Klassiker: Die Verbindung einer Familiengeschichte als exemplarische Geschichte des Landes, erzählt im Stil des magischen Realismus. Die Hauptfigur Saleem kommt nämlich exakt um Mitternacht, zur Geburtsstunde des neuen Landes, auf die Welt. Damit gehört er zu einer auserwählten Gruppe von Kindern, die besondere fantastische Fähigkeiten besitzen. Genau gleichzeitig mit ihm wird allerdings noch ein zweiter Junge namens Shiva geboren. Die beiden werden im Kreißsaal von einer christlichen Schwester vertauscht. Saleem wächst als Sohn einer reichen muslimischen Familie auf, Shiva als Sohn eines bettelarmen Hindu. Ihr beider Schicksal verknüpft sich in Folge mit dem des indischen Subkontinents, der bald darauf in Indien und Pakistan, und später Bangladesh zerbricht.

Deepa Mehta versucht sowohl die Komplexität der Geschichte als auch ihre humorvolle Magie ins Filmische zu übersetzen. Bis zu einem gewissen Grad gelingt ihr das auch. Der Umfang und die schiere Zahl der Figuren ist jedoch eine Herausforderung, die der Film trotz der Länge von 146 Minuten nicht gänzlich in den Griff bekommt – zumindest für westliche Maßstäbe. Der Film orientiert sich nämlich durchaus auch an Bollywood mit seinen prallgefüllten Großproduktionen, in denen alle Genres bunt durcheinanderwirbeln und die dick aufgetragenden Emotionen im Vordergrund stehen. “Mitternachtskinder” ist ein Hybrid-Film, der mit seinem moderaten Kitschfaktor die Kulturgrenzen überwindet. So gibt es zwar viel Musik, aber keine wirklichen Musical-Szenen, viel Action und Romantik, die aber nicht bis zur Lächerlichkeit übersteigert werden, und durch die politische Thematik hat der Film durchaus eine gewisse Ernsthaftigkeit. Wer genügend Sitzleder mitbringt, bekommt ein buntes, schnell und humorvoll erzähltes Indien-Epos serviert.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 4.4.2013]

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März 22, 2013

Verrückte Silberstreifen am Horizont – Review SILVER LININGS PLAYBOOK

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 23:59
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“Silver Linings Playbook (Il lato positivo)” ist einer der verücktesten Filme des vergangenen Jahres und einer der kraftvollsten. Es geht darin um Pat, der gerade aus der psychiatrischen Behandlung entlassen wurde. Er ist manisch-depressiv und rastete aus, als er seine Frau mit einem anderen Mann erwischte. Nun versucht er sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Wer bei dieser Ausgangslage ein tragisches Drama erwartet liegt aber falsch. “Silver Linings Playbook” ist im Grunde eine schnelle, überdrehte Romanze bei der die ernsten Untertöne lässig nebenbei anklingen und von einem netten Soundtrack begleitet werden. Pat zieht wieder bei seinen Eltern ein und will seine Ex-Frau zurückerobern. Robert DeNiro glänzt als Football-besessener, abergläubischer Vater. Bei einem Essen mit Freunden lernt er die emotional instabile Witwe Tiffany kennen. Zunächst eher genervt voneinander, finden diese beiden gebrochenen Figuren dann zunächst als Freunde zueinander. Tiffany überredet Pat mit ihr für einem Tanz-Wettbewerb zu trainieren; im Gegenzug soll sie seiner Frau Briefe übergeben. Jennifer Lawrence gewann für ihre Interpretation der Tiffany verdient den einzigen Oscar der 8 Nominierungen des Films. Ihr Spiel ist außerordentlich stark und zugleich anziehend und unzugänglich. Zusammen mit Bradley Cooper (eher bekannt aus den “Hangover” Filmen) erzeugt sie eine ungewöhnliche Energie, die sich erst langsam in Richtung Romantik bewegt. Höhepunkt der Story ist – wie könnte es anders sein – der Tanzwettbewerb. Pats Vater hat eine Doppelwette auf den Erfolg der beiden und auf ein Football-Spiel abgeschlossen und Pats Exfrau ist auch anwesend.

 

Was “Silver Linings Playbook” zu einem so ungewöhnlichen Film macht, ist die Mischung völlig unkonventioneller Zutaten und die Intensität dieser Mischung, die genauso schnell die Stimmung wechselt wie der finale Tanz. Eingefangen durch eine Kamera, die ebenso unruhig ist wie die Charaktere. Zum Beispiel in der Szene als Tiffany Pat beim Joggen verfolgt und sie sich gegenseitig ihre Verrücktheit an den Kopf werfen. Es sind Gegensätze, die einen ganz eigenen Charme erzeugen: das Setting im bekannt-friedlichen Vorstadt-Amerika mit seinen Einfamilienhäusern, in denen nur normale, glückliche, erfolgreiche Menschen wohnen sollten. Tanzen und Football. Die Liebe zweier Menschen, die mit sich selbst kämpfen. Die Liebe muss eben nicht immer kitschig sein.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 22.3.2013]

Februar 27, 2013

Austria goes Hollywood – Oscars 2013

Filed under: Film,Film Festival,Journalistisches — Marian W @ 14:10
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Die Gewinner der Oscars 2013

Die Oscars sind kein Schirennen. Der Medaillienspiegel ‘für Österreich’ schaut dennoch nicht schlecht aus. Christoph Waltz holt überraschend zum zweiten Mal den Nebenrollen-Oscar, Michael Haneke wenig überraschend den Auslands-Oscar. In den anderen Kategorien – Bester Film, bestes Original-Drehbuch, beste Regie und beste Schauspielerin – musste sich Hanekes französisch-sprachiges Alterswerk “Amour” jedoch würdigen Mitnominierten geschlagen geben. Die Vorauswahl für die von den etwa 6000 Academy-Mitgliedern geheim gewählten Gewinnern war heuer so stark wie selten gewesen. Den Oscar für den besten Film des vergangenen Jahres gewann der zuletzt favorisierte Film “Argo” von Ben Affleck. Der Agenten-Thriller ist die Verfilmung einer wahren Geschichte über eine Befreiungsaktion aus dem Iran mit Hilfe eines vorgetäuschten Filmprojekts und schaffte es geschickt eine politische Story mit einem Film-im-Film-Motiv zu verbinden. Affleck selbst war nicht in der Regie-Kategorie nominiert gewesen. Den Regie-Preis holte sich Ang Lee für “Life of Pi”, der damit nach “Brokeback Mountain” bereits seinen zweiten Oscar mit nach Hause nehmen darf. Außerseiter Benh Zeitlin ging mit seinem magischen Realismus in “Beasts of the Southern Wild” leer aus. “Life of Pi” holte sich auch wie erwartet die Preise in den ‘visuellen’ Kategorien für Kamera und Effekte – nicht unverdient angesichts der fantasievollen 3D-”Überwältigungskinos”, wie es der vor zwei Jahren nominierte Tiroler Kameramann Christian Berger nannte.

Die Schauspieler und Schauspielerinnen hatten es heuer besonders schwer. Bei den männlichen Nebendarstellern waren alle Nominierten schon Oscar-Preisträger, darunter Schauspielgrößen wie Robert DeNiro (für die Rolle des schrulligen Vaters in “Silver Linings Playbook”), Tommy Lee Jones (für den Sklaverei-Gegner in “Lincoln”) oder Alan Arkin (für einen Hollywood-Produzenten in “Argo”). Auch Philip Seymour Hoffman in “The Master” hatte sich mit einer beeindruckenden Performance in der Rolle eines Sekten-Gurus qualifiziert. Dass Christoph Waltz alias Dr. King Schultz in “Django Unchained” nun erneut gewinnt, zeigt, dass der Österreicher mittlerweile voll in Hollywood angekommen ist. Bei den Frauen wurde Anne Hathaway wenig überraschend für die Herausforderung ihrer Musical-Rolle in “Les Miserables” geehrt. Emmanuelle Riva war an ihrem Geburtstag der sehr interessanten Darstellung von Jennifer Lawrence in “Silver Linings Playbook” unterlegen, die ihr in ihrer Dankesrede prompt zum Geburtstag gratulierte. Daniel Day-Lewis holte sich wie geplant seinen dritten Oscar für seine beeindruckende Verkörperung von Abraham Lincoln ab. Day-Lewis schien vorbereitet und scherzte, dass Meryl Streep, die ihm den Preis überreichte, eigentlich die erste Wahl für die Rolle gewesen sei und dass er Regisseur Steven Spielberg davon überzeugen konnte, “Lincoln” nicht als Musical zu drehen. Seine Rede, in der er Autor Tony Kushner, Steven Spielberg und dem Geist Lincolns dankte, war somit die einzig interessante unter ansonsten recht unspektakulären Namensnennungsansprachen.
Moderator Seth McFarlane, sonst für seine spitze Zunge bekannt, war in seinen Witzen eher zahm. Insgesamt wurde die Show von vielen Musik-Einlagen dominiert, darunter die mit ihrem Song aus dem Bond-Film “Skyfall” ausgezeichnete Adele. James Bond wurde im 50. Jubiläumsjahr ein Tribute gewidmet. Die Überraschungseinlage war die Präsentatorin des Oscars für den besten Film: First Lady Michelle Obama höchstpersönlich verkündete in einer Videobotschaft aus dem Weißen Haus den Gewinner “Argo”.

Christoph Waltz

Es ist eine Ironie der Filmgeschichte, dass Michael Haneke und Christoph Waltz den selben Stiefvater haben. Der erfolgreichste österreichische Schauspiel-Export der jüngeren Geschichte wird nicht müde zu betonen, wem er diesen Durchbruch in Übersee nach so vielen Jahren der Fernseharbeit verdankt. Erst mit der Rolle in Tarantinos “Inglorious Basterds” schaffte der heute 56-Jährige den Sprung. Studiert hat Waltz an zwei renommierten Schauspiel-Schulen: dem Max-Reinhard-Seminar in Wien und dem Lee Strasberg Institute in New York. Den österreichischen Pass erhielt Waltz allerdings erst 2010; zuvor war er, obwohl in Wien aufgewachsen, durch seinen Vater deutscher Staatsbürger gewesen.
In diesem Jahr wird Waltz übrigens noch Michael Gorbatschow verkörpern. Waltz hat vier Kinder aus zwei Ehen und lebt mittlerweile neben Berlin auch in Los Angeles.

Michael Haneke

Auf die Wichtigkeit des Oscars angesprochen, meinte Michael Haneke, die goldene Palme in Cannes sei künstlerisch sicher der wichtigere Preis, aber den Oscar kenne eben “jeder Bauer in Afghanistan”. Der in München geborene und in Wien aufgewachsene Altmeister hat also durchaus einen pragmatischen Zugang zu den vielen Preisen, mit denen er dieser Tage überhäuft wird: Sie würden ihm die Finanzierung des nächsten Projektes erleichtern. Was das sein wird und wo er es realisieren wird, ist noch völlig offen.
Haneke begann seine Karriere in Österreich mit Theater- & Fernseharbeiten, wo er 1989 mit “Der siebente Kontinent” zum Kino wechselte. Zusammen mit den beiden folgenden Filmen “Benny’s Video” und “71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls” sind sie als Trilogie der “Vergletscherung der Seele” bekannt geworden. 1997 drehte Haneke mit “Funny Games” seinen letzten Film in Österreich. Seitdem arbeitet der Meister in Frankreich und realisierte dort vielfach prämierte Filme wie “Caché” oder die Jelinek-Verfilmung “Die Klavierspielerin”. Für sein ebenfalls Oscar-nominiertes Epos “Das Weiße Band” zog es ihn 2009 nach Deutschland. Zwei Jahre zuvor hatte er in Amerika ein Remake von “Funny Games” gedreht. Auch die Franzosen wissen ihren Haneke zu schätzen: Vergangenes Jahr wurde er dort Ritter der französischen Ehrenlegion. Einen Tag vor den Oscars erhielt er nicht nur den französischen Filmpreis César, sondern feierte in Abwesenheit auch die Premiere seiner Inszenierung Cosi fan Tutte an der Madrider Oper. Haneke ist verheiratet und Vater.

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Di 19.2.2013]

Klein aber Wild – Review BEASTS OF THE SOUTHERN WILD

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 13:51
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Wenn ein Erstlings-Independent-Film gleich viermal, in den besten Kategorien, für den Oscar nominiert ist, muss dieser Film eine ganz besondere Mischung sein. “Beasts of the Southern Wild” tauchte nach seiner Premiere in Sundance zurecht in den meisten Bestenlisten des vergangenen Jahres auf und gewann auch die Goldene Kamera für den besten Debut-Film in Cannes. Nun kommt der Film auch hierzulande ins Kino. Die moderne Südstaaten-Geschichte rund um das kleine Mädchen Hushpuppy spielt in einem Küstengebiet in Louisiana und der Sturm im Film erinnert an Hurrikan Katrina. Hushpuppy lebt dort zusammen mit ihrem temperamentvollen Vater Wink in einer losen Gemeinschaft inmitten der Überflutungsgebiete. Die Armut ist zugleich eine Naturverbundenheit, die im modernen Amerika seltsam wirkt. Sie wird im Film nicht versteckt; die Bewohner sind stolz auf ihre Unabhängigkeit. Auch deshalb ist “Beasts of the Southern Wild” ein sehr amerikanischer Film. Als die Truppe von den Behörden zwangsevakuiert und in einem sterilen Notquartier untergebracht wird, verweigern sie die Hilfe und nehmen bei der ersten Gelegenheit  reißaus. Der gesamte Film wird durch die Augen des Mädchens erzählt und so gibt es auch ein kleines Fantasy-Element: Inspiriert von ihrer Lehrerin, die den Kindern von den Auswirkungen des Klimawandels erzählt hat, stellt sich Hushpuppy die titelgebenden Tiere als urzeitliche Wesen aus dem ewigen Eis vor (die man wunderbar psychoanalytisch deuten könnte). Hushpuppy wird von der damals 6-jährigen und mittlerweile Oscar-nominierten Quvenzhané Wallis unglaublich kraftvolll dargestellt. Von der Vater-Tochter-Beziehung angefangen bis zu dem ungewöhnlichen Setting überzeugt “Beasts of the Southern Wild” durch eine wilde, energie-geladene Erzählweise. Eine der schönsten Szenen ist die, in der Hushpuppy in eine Bar kommt und dort im Licht der Scheinwerfer mit einer Frau tanzt, die vielleicht ihre Mutter ist, nach der sie sucht. “Beasts of the Southern Wild” ist ein ungemein bunter, opulenter Film, der das Kino als Erlebnis feiert und so weit entfernt ist von einem langsamen, kargen Naturalismus wie es nur geht (davon kann man sich schon im Trailer überzeugen). Vorallem die visuelle Gestaltung – in Verbindung mit einem dominanten Soundtrack – verleiht dem Film einen Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann. Im 16mm-Format und fast durchgehend mit Handkamera gedreht, entwickelt der Film eine ganz eigene Dynamik. Der Film hebt sich aber in seiner unkonventionellen Dramaturgie auch von den großen Hollywood-Blockbustern ab. Ohne Zweifel ein singuläres Kino-Ereignis. Und auch wenn “Beasts” bei der Oscarverleihung am kommenden Sonntag leer ausgehen sollte: das Publikum hat der Film jedenfalls schon gewonnen.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 21.2.2013]

Buntes Märchen als bildgewaltiges Attraktionskino – Review LIFE OF PI

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 13:51
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Rund um Weihnachten ist im Kino die Zeit für Märchen. “Life of Pi” des Oscar-Preisträgers Ang Lee fällt – im Unterschied zu seinem “Brokeback Mountain” – eindeutig in diese Kategorie. Moderne Kino-Märchen zeichnen sich vorallem durch die Dominanz der bunten Bilder aus. Mit der Verfilmung des raffinierten Erfolgs-Romans von Yann Martel beweist Lee wiederum, dass er ein Meister der filmischen Opulenz ist. Schon in seiner wunderschön-traurigen asiatischen Doppel-Liebesgeschichte “Crouching Tiger, Hidden Dragon” reicherte er einen recht simplen Plot mir der Eleganz von Kongfu, atemberaubenden Landschaften und außereuropäischem Flair an. Diesmal ist es nicht das alte China, sondern – dem momentanen Trend folgend – das filmische Traumland Indien. Das mag für eine Hollywood-Produktion durchaus auch finanzielle Gründ haben; der Crossover-Film ist gerade beim asiatischen Millionen-Publikum sehr erfolgreich gestartet. In erster Linie verleiht es dem Märchen aber eine farbenprächtige Exotik, die im Westen gut ankommt. Wie der Protagonist ist auch der Film auf einer Reise von Indien in den Westen. Die Geschichte ist ebenso einfach wie märchenhaft: Der junge Pi will mit seiner Familie und den Zootieren seines Vaters nach Kanada übersetzen. Ein Sturm lässt ihn als einzigen Überlebenden auf einen Rettungsboot zurück, zusammen mit einem bengalischen Tiger. Um diese Beziehung während des 227 Tage dauernden Überlebenskampfes auf See geht es in “Lif of Pi”. So gesehen ist der Film auch eine Art Liebesgeschichte zwischen Mensch und Tier.
Märchen liefern mit ihrer scheinbaren Einfachheit oft auch eine moralische Botschaft mit. In “Life of Pi” sollte man sich davon aber nicht allzusehr irritieren lassen; die (inter)religiöse Moral der Geschichte ist bei weitem nicht so aufdringlich wie mancherorts beklagt. Ang Lee nimmt das Märchen wörtlich; die Interpretation kommt erst am Schluss. Alles andere als tiefsinnig setzt der Film also stattdessen voll und ganz auf seine visuelle Magie (ähnlich wie Camerons “Avatar”). Damit ist die farbenprächtige Odyssee eine zweistündige Reise zurück zu den Anfängen des Kinos als Spektakel – das kitschige Pathos des Erzählfilms tritt fast ganz hinter das Kino der Attraktion zurück. Noch nie war 3D so sinnvoll wie in diesem Film und selten so schön – die Ozeanwellen sind geradezu spürbar, der Tiger auch. Wenn man es schafft, nicht mehr von “Lif of Pi” zu erwarten und sich darauf einzulassen: gut. Wenn nicht, bleibt nur eine sentimentale Abentauer-Story mit wenig Substanz zurück. Die Bilder sprechen für sich – aber erzählen uns nichts.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 28.12.2012]

Existentielles Kino – Review AMOUR

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 00:13
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Hanekes Meisterwerk über Liebe & Tod

Von Thomas Bernhard stammt der Ausspruch, innere Vorgänge, das was niemand sieht, seien das einzig Interessante an der Literatur überhaupt. Auch Michael Haneke hat sich in seinem bisherigen Werk damit beschäftigt. Aber er weiß, dass die Darstellung innerer Vorgänge im Film eine etwas diffizilere Angelegenheit ist. Der Zuschauer blickt von außen auf die Charaktere, sieht ihre Handlungen, ihr Verhalten. Haneke stellt die Innenwelt dieser Außenwelt stets als Frage in den filmischen Raum und er gibt nie eine Antwort auf diese Frage. Das ist das beunruhigende an seinen Filmen.

Auch der Tod spielt bei Haneke immer eine tragende Rolle: bereits in seinen frühen, noch in Österreich realisierten Filmen wird dies deutlich, wie in dem brutalen Film „Der siebte Kontinent“ in dem er ohne jegliche Erklärung eine normale Familie zeigt, die langsam Selbstmord begeht. In den schwer zu ertragenden Schockern „Bennys Video“ und „Funny Games“ treibt er es schließlich auf die Spitze. Haneke will verstören, nicht erklären und besänftigen. Zuletzt in seinem Oscar-nominierten Historien-Epos „Das weiße Band“ in dem er ein beunruhigendes Panorama einer dörflichen Gesellschaft und ihrer strukturellen Gewalt zeichnet. Hier wird schon deutlich, dass der Autorenfilmer tiefer eindringt in die Abgründe der menschlichen Existenz.

Mit „Amour / Liebe“ – für das Haneke in Cannes seine zweite Goldene Palme erhielt – legt er nun seinen intimsten und vielleicht universellsten Film vor. Wiederum geht es um den Tod, doch diesmal im Grunde ohne außergewöhnliche Umstände, eigentlich ohne schockierende Gewalt. Inspiriert vom Suizid seiner eigenen 93-jährigen Tante erzählt er die Geschichte eines Paares am Ende ihres Lebens: George und Anne – grandios gespielt von den über 80-jährigen Schauspielgrößen Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant – leben alleine in ihrer Pariser Wohnung, wo der Film fast zur Gänze spielt. Als Anne einen Schlaganfall erleidet wird die Bedeutung der titelgebenden lebenslangen Liebe neu definiert und George muss eine Entscheidung treffen.

Die existentielle Frage des Todes im Kontrast zur unaufgeregten tiefen Liebe dieser beiden Figuren macht Hanekes „Amour“ so intensiv. Langsam und ohne jegliche Sentimentalität, ohne künstliche Schönheit verfilmt er eine mögliche bittere Realität des Liebes-Ideals „bis dass der Tod uns scheidet“. Visuell ist der Film sehr reduziert, streng durchkomponiert und ganz fokussiert ganz auf seine zwei Charaktere in ihrem Alltag. Haneke mutet seinem Publikum wie immer einiges zu. Spannung und Unterhaltung sind dafür die falschen Kategorien. Hanekes Filme sind anders: existentielles Kino.

„Amour“ ist offizieller Kandidat auf eine Nominierung für den Auslands-Oscar, und zwar trotz großteils französischer Produktion und Sprache für Österreich.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 28.9.2012]

Hollywood rettet die Welt – Review ARGO

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches,politics — Marian W @ 00:07
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Die islamische Revolution im Iran 1979 und die Produktion eines Hollywood Science Fiction B-Movies haben wenig miteinander zu tun. In “Argo” kommt dennoch beides zusammen. Umso erstaunlicher, dass die Geschichte von Ben Afflecks dritter Regiearbeit auf einer historischen Begebenheit beruht. Im Zuge der Revolution wurde damals bekanntlich die amerikanische Botschaft in Teheran gestürmt und die Botschaftsangestellten als Geiseln genommen. Sechs von ihnen gelang allerdings unbemerkt die Flucht ins Haus des kanadischen Botschafters. Die Geschichte, die der Film nun über den CIA-Agenten Tony Mendez erzählt, klingt so abenteuerlich, dass sie durchaus eine Komödie abgeben könnte, wäre sie nicht wahr (die Geheimakten dazu wurden erst in den 90er Jahren freigegeben). Mendez wird nämlich beauftragt die sechs Amerikaner aus dem Iran heraus zu schmuggeln. Zu diesem Zweck will er sie als kanadisches Filmteam auf Drehort-Suche tarnen. Nachdem einige andere Möglichkeiten verworfen wurden, kann er seine Vorgesetzten davon überzeugen, dass seine “Option Hollywood” noch die besten Erfolgschancen hat. Er selbst gibt den Produzenten und zusammen mit CIA-Kontakten in Hollywood – großartig John Goodman! – bereitet er den falschen Film im Film penibel vor, inklusive Drehbuch, Poster und Presse. Wirklich Fahrt nimmt “Argo” auf als Mendez im Iran eintrifft und die zu Befreidenden in ihre falschen Identitäten einweist. Afflecks Leistung als Regisseur ist, dass er eine Geschichte, deren Ausgang von Anfang an recht klar ist, dennoch extrem spannend erzählt. Ohne zuviel zu verraten, sei gesagt, dass einen der Cliffhanger des Films durchaus nägelbeißend an den Rand des Kinosessels rutschen lässt. “Argo” ist daher trotz der absurden story zuallererst ein Agententhriller. Affleck orientiert sich dabei auch stilistisch an Filmen der 70ern wie “Drei Tage des Condors” oder “All the President’s Men”, die ohne pompöse Action und Schnörkel Spannung aufbauen. Sehr routiniert wird dabei vieles nur angedeutet und wenig auserzählt. Es bleibt in den 120 Minuten keine Zeit für ausladende Monologe und lange Szenen, so wie auch in der Filmhandlung die Zeit drängt, das Land zu verlassen.

Lediglich im Prolog und im Epilog deutet Affleck mit Archivmaterial die große Historie rund um diese kleine wahre Geschichte an, vielleicht mit etwas zu viel Heldenpathos. Leichte Schwächen zeigt der Film nur bei den doch arg klischeehaften ‘bösen Iranern’ – was durchaus aktuelle politische Brisanz hat. Davon abgesehen ist “Argo” aber ein mehr als ordentlicher Thriller und im Rennen um die Oscars vorne mit dabei.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 26.11.2012]

Februar 22, 2013

Ein Jahrzehnt und ein paar Monate – Double Review ‚Lincoln‘ & ‚Zero Dark Thirty‘

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches,politics — Marian W @ 17:22
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Der Flugzeugträger auf dem US-Präsident George Bush 2003 vorschnell die Worte “Mission Accomplished” verkündete, hieß “USS Abraham Lincoln”. Eine Ironie der Geschichte, der auch das gegenwärtige US-Kino Parallelen abgewinnen kann. Die Behauptung aus Hollywood komme kein politisches Kino war noch nie so falsch: In Steven Spielbergs “Lincoln” und Kathryn Bigelows “Zero Dark Thirty” setzt sich Amerika auf sehr gegensätzliche Weise mit sich selbst auseinander – vom Bürgerkrieg zum Krieg gegen den Terror. “Lincoln” spielt (wie auch Tarantinos Sklaven-Actioner “Django Unchained”) in der für die Amerikaner so wichtigen Gründerzeit. Großmeister Spielberg liefert aber mit seiner Hommage an den legendären Bürgerkriegspäsidenten auch eine vieldiskutierte Folie auf die erste Amtszeit Obamas. Beide Filme machen es sich und dem Zuschauer nicht leicht und sind alles andere als ein einfaches statement. Zusammen mit dem Bühnenautor Tony Kushner hat Spielberg eine neue 900-seitige Biografie über Lincoln zu einer erstaunlich ruhigen Nahaufnahme der letzten Lebensmonate Lincolns verarbeitet. Daniel Day-Lewis verkörpert Obamas Lieblings-Vorgänger nicht nur äußerlich genial und hat nach dem Golden Globe mehr als gute Chancen auf seinen dritten Oscar. Es ist ein zugleich menschliches wie mythisches Bild das hier in episch-ausgeleuchteten Innenaufnahmen gezeigt wird. Die Handlung dreht sich fast ausschließlich um den Verfassungszusatz zur Abschaffung der Sklaverei für den Lincoln sogar Abgeordnete bestechen lässt und das Ende des Krieges hinauszögert. Diesen zähen demokratischen Kampf um eine Mehrheit kann man durchaus als Analogie zu Obamas Gesundheitsreform lesen.
In “Zero Dark Thirty” geht es dagegen weniger um die hohe Politik als um die 10-jährige Jagd nach Osama Bin Laden. Als moralische Provokation beginnt Bigelow ihren Film mit Stimmen von 9/11-Opfern, nur um dann mit einem einzigen harten Schnitt in ein brutales Waterboarding-Verhör zu springen. Der neue Präsident Obama erscheint nur einmal in der Mitte des Films am Fernsehschirm um zu verkünden, dass Amerika jetzt nicht mehr foltern werde. Die ebenso verletzliche wie harte CIA-Agentin Maya hat zu diesem Zeitpunkt schon dutzende solcher Verhöre mitgemacht um ‘ihrem heiligen Gral’ näher zu kommen. Mittlerweile ist das Ende dieses Kreuzszuges bekannt (der Film war allerdings schon davor geplant worden): fast in Echtzeit wird die Kommando-Aktion der Navy Seals zur Liquidierung Osama Bin Ladens eindrucksvoll inszeniert – eine zweifelhafte Erlösung, dessen Zeitpunkt titelgebend ist: “eine halbe Stunde nach Mitternacht”.
Wo Spielberg trotz allem die glorreiche Geschichte staatstragend bebildert, liefert Bigelow die unrühmliche, dreckige Realität des 21. Jahrhunderts. Beide Oscarpreisträger bauen mit ihren komplexen Hauptfiguren gekonnt eine spannende Dramaturgie auf – ein Loblied und ein Abgesang auf die amerikanische Demokratie.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 7.2.2013]

Februar 7, 2013

Kein weiter Weste(r)n – Review ‚Django Unchained‘

Filed under: Film,Film Review,Journalistisches — Marian W @ 02:34
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Finally, I’m able to post my weekly film reviews on this blog – with a delay. They are all in German and originally written for the print edition of the „Dolomiten“ newspaper. I will continue to post them online here, sometimes with a few additions or in a longer version, and maybe add an old one from time to time.  Obviously you can find all under the „Film Review“ category. I’m happy about comments and criticism. Here’s the first: a good film to start with, I think.

“Das D ist stumm” erklärt der Titelheld von Tarantinos “Django Unchained” seinem filmischen Paten Franco Nero an der Bar. Dieser spielte 1966 in Sergio Corbuccis Spaghetti-Western den wortkargen Killer und hat hier einen Cameo-Auftritt. Der Django des 21. Jahrhunderts ist allerdings ein farbiger Sklave, auf Rachefeldzug gegen die weißen Unterdrücker. So gesehen ist nicht nur der (Euro-)Western ein Bezugspunkt für den Meister des filmischen Recyclings sondern auch die Blaxploitation-Streifen aus der selben Ära (“Shaft”). Der dominante Soundtrack reicht folglich von Ennio Morricones Dango über Johnny Cash bis zu modernem Rap.
Wer von Tarantino einen simplen Genre-Remix erwartet, liegt jedoch falsch. Die Western-Parallelen hören kurz unter der Oberfläche auf. Statt wortkargen Männern ohne Namen präsentiert uns Tarantino gewohnt wortreiche und humorvolle Dialoge von schillernden Figuren, allen voran der deutschstämmige Dr. Schultz. Christoph Waltz verkörpert diese Rolle genauso herrlich übertrieben wie schon den SS-Offizier in “Inglorious Basterds”. Leonardo DiCaprio, der schon damals für die Rolle des Nazis im Gespräch war, mimt nun hier den Sadisten. Die vorhersehbare Handlung scheint nur dazu da zu sein, all diesen originellen Figuren ihre coolen Auftritte zu verschaffen. Nachdem der Doktor, der sich statt als Zahnarzt als Kopfgeldjäger verdingt, den Sklaven befreit hat, gehen sie gemeinsam auf die Jagd. Zuerst nach den Gesichtern auf den “Dead or Alive” Postern (wobei ersteres die einfachere Lösung ist), dann nach Djangos Frau, die an den rassistischen Plantagenbesitzer Calvin Candie (DiCaprio) verkauft wurde. Ihr Name ist Broomhilda, was Tarantino und Waltz zu einer etwas kuriosen Parallele zur Nibelungensage verleitet. In “Candieland”, wo Samuel L Jackson als gerissener Haussklave Stephen seinen genialen Auftritt bekommt, spielt dann auch der doppelte Showdown von Tarantinos Actionsplatterwestern.

Die vieldiskutierte Brutalität des Films beschränkt sich – abgesehen von einem nach Testvorführungen entschärften Sklavenkampf – im Wesentlichen auf Schusswechsel. Sie erinnern mit ihrem Blutströmen eher an einen Horrorfilm und sind keine spannungsgeladen inszenierten Duelle. Insgesamt fallen die Referenzen an das Genre also nicht so stark aus wie vielleicht erwartet. Auch die Landschaft als Bühne der klassischen Genrehelden spielt in diesem Tarantino-Western keine große Rolle, die Supertotalen des weiten Westens sind praktisch nicht vorhanden. Tarantino sprengt wie immer den Rahmen, des Genres und der Political Correctness sowieso. Er will von einer anderen Welt erzählen. Kein unbekanntes Traumland hinter der amerikanischen Westgrenze, keine guten oder bösen Indianer, kein amerikanischer Siedler-Mythos.
Stattdessen ein “Southern”, also ein Südstaaten-Abenteuer mit der brutalen Realität der Sklavenhaltung. Die Reaktionen auf den Film – etwa von Spike Lee oder von der Bürgerrechtslegende  Louis Farrakhan („preparation for race war“) – zeigen, dass die Rassenunterschiede in den USA auch unter dem ersten afroamerikanischen Präsidenten immer noch ein heikles Thema sind. Tarantino hat sich also nach dem Holocaust abermals mitten in die Politik hineinbegeben. Diesmal benutzt er das Unterhaltungskino um den Amerikanern eine blutige Epoche ihrer Vergangenheit zu zeigen, die sie nur allzu gerne glorifizieren, nicht zuletzt im Film. Wie schon in “Inglorious Basterds” wird auch hier die Geschichte in Großbuchstaben neu geschrieben (wenn schon nicht aufgearbeitet). Film als unterhaltsam-opulente Rache an der Vergangenheit: ein bekanntes, aber nicht langweiliges Rezept à la Tarantino.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 24.1.2013]

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